vonkirschskommode 26.07.2022

Kirschs Kommode

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11. Oktober 2013
Die nie endenden Kriege, die Flüchtlinge, die massenhaft auf der Flucht umkommen, der Landraub und das Elend, das er hinterlässt, das Entstehen riesiger unproduktiver Bevölkerungen, zu irgendeinem Wunderglauben und zum Abhetzen in prekärer Arbeit verurteilt – diese Dinge sind ganz offensichtlich da. Aber sie scheinen in den sogenannten entwickelten Ländern rein als Probleme der anderen wahrgenommen zu werden, mit denen das eingebildete „Wir“ dieser Länder weder ursächlich noch in der Folge zu tun hat. Obwohl die Katastrophen vor Lampedusa täglich stattfinden, schaffen sie es nur in Ausnahmefällen bis in die Medien, d. h. in das Bewusstsein, das die Öffentlichkeit von sich hat und für sich selbst zulässt. Wobei nicht ausgemacht ist, ob die dann zelebrierte Betroffenheit nicht nur der Beschwichtigung der Angst vor bösen Geistern dient, die – es gibt eine lange Tradition, das zu glauben – immer entstehen, wenn die sterben, denen der Tod gewünscht wird. Und er wird den Flüchtlingen gewünscht. „Recht geschieht ihnen“, ist die unausgesprochene Reaktion auf die vielen Lampedusa-Tragödien. Was haben sie so viele Kinder, was nehmen sie die Kinder mit bei so gefährlichen Unternehmungen, was müssen sie überhaupt bei uns sterben und nicht, wo sie hingehören, zu Hause.

Ich müsste kommerziell werden, schreiben, was sich verkaufen lässt. Handwerklich sollte das kein Ding der Unmöglichkeit sein. Die Schreibschulen scheinen da einige Patentrezepte entwickelt zu haben, die sich z. B. an dem Jugendbuch „Löcher“ gut studieren lassen: Eine Handlung in der Gegenwart muss Fenster öffnen auf ein Geschehen in der Vergangenheit und durch die Handlung in der Gegenwart muss das Geschehen der Vergangenheit erlöst werden. Und zwar so, dass zum Schluss in der gegenwärtigen Handlung keiner der Handelnden nicht Stellvertreter, Nachfolger oder Angehöriger der unglücklich Handelnden der Vergangenheit ist. Der moderne populäre Roman beschwört die Sühnehandlung im Rahmen des Ahnenkults. „Everything is illuminated“ von Safran Coer folgt dem gleichen Muster. Die Vergangenheit lastet auf der Gesellschaft und die spürt den Druck sich zu versöhnen. Interessant: Weshalb sucht sie die Versöhnung nicht in der Gegenwart und für die Zukunft? Lebt das nicht von der Illusion, wir seien dort angekommen, wo wir unsere Wunden pflegen und unsere Traumata heilen könnten? Was für den reicheren Teil der Welt auch sicherlich nicht ganz falsch ist: Lang anhaltender Wohlstand ermöglicht tatsächlich Heilung. Ich kann bis über 50 leben und bis zu meiner eigenen Therapiereife, die mir zuwächst, weil mir das Leben nicht zu übel mitspielt und mich wieder und wieder retraumatisiert. Aber diese Lichter werden ausgehen. Das wie vor Lampedusa punktuell aufscheinende Elend ist das aktuelle Elend der Massen, wer nicht reich und bewaffnet ist, wird ihm nicht entgehen.

12.02.2014
Wenn es Kunst wäre! Da gibt es also Leute, die irgendwo in Brandenburg oder Mäckpomm darauf gekommen sind, dass nach etlichen Umbrüchen im 20. Jahrhundert, die Deutschen sämtlich Staatenlose sind, weil keine der in dieser Zeit geschriebenen Verfassungen mehr sicher gälte. Daraus folgern sie dann aber in vollem Ernst, an dieser, wie sie sagen, Vogelfreiheit liege es, dass keine Bürgerinitiative, kein Protest mehr zum Erfolg führe. Ein Staatenloser habe keine politischen Rechte. Die Rückführung einer richtig beobachteten Erscheinung, hier: Wirkungslosigkeit von Protest, auf eine falsche Ursache, hier: angebliche Staatenlosigkeit, ist ein großes Mittel der Satire. Die falsche Ursache aber als die wahre zu nehmen, ist indes mehr als eine bloße Energieverschwendung. Denn, dass solche Erkenntnisgrenzen geradezu gesetzmäßig auftauchen, mit dem Abziehen des Schleiers von den Verhältnissen jedes mal ein neuer Schleier über sie gezogen wird, muss etwas mit der scheinbaren Naturwüchsigkeit zu tun haben, mit dem die Verhältnisse sich repräsentieren: Die Verhältnisse – das sagen sie über sich so, wie die falschen Entschleierungen es über sie sagen – haben ihre Ursache in sich selbst, weshalb sie keine anderen sein können. Wer sie enttarnt, handelt automatisch paranoid. Er ist derjenige, der eine lokale Mückenplage auf eine globale Verschwörung zurückführt.

Was dabei am schlimmsten ist: Die Wahrheit über die Verhältnisse tritt unter solchen Umständen nicht anders gekleidet auf als die verschwörungstheoretischen Schimären. Sie konkurriert mit diesen unter Gleichen um die Köpfe, die sie aufzuklären hätte. Das 24. Kapitel des Kapitals, das den Raub als Fundament unseres Wirtschaftssystem bloßlegt, wäre, in die Diskussion geworfen, nichts als die manipulative Kompilation zusammenhangsloser Einzeldaten zum Zweck, Schuldige auszumachen und anzuschwärzen. Genau so gut wie die kapitalistische Produktionsweise könnten die Reptilienmenschen Schuld am allgemeinen Weltelend sein. Oder die Finanzwelt. Oder, wie ich es gestern mal wieder hören durfte: die Überbevölkerung.

Wenn ich mal wüsste, was gegen diese abgrundtiefe Dummheit zu tun wäre: Die Leute meinen tatsächlich, weil sie – sie selbst sind ihr eigenes Beispiel – so ehrlich hart arbeiteten, gehe es „uns“ in Deutschland so gut, wie es uns geht. Woraus sie wiederum schließen, ganz Deutschland – bis auf die üblichen Ausnahmen – arbeite ehrlich und hart (und wenn es dem Land schlecht gehe, dann wegen dieser Ausnahmen). Und das, ohne den Gedanken auch nur zulassen zu können, dass der allgemeine Reichtum hier auf etwas anderem beruhen könnte als harter und ehrlicher Arbeit. Auf Raub zum Beispiel, was ja schließlich die historische wie aktuelle Wahrheit wäre.

Ein Gespräch darüber hatte ich heute mit den Wachleuten an der Pforte der Volkshochschule. Es ging damit los, dass sie sich halb darüber belustigten, halb darüber mokierten, dass ich nach Hause zum Kochen führe, aber kein Fleisch zubereiten würde. Ich bemerkte nur, dass Fleischproduktion eine der besten Methoden sei, Nahrungsknappheit zu organisieren, aber da wurden sie richtig fuchsig: Sie könnten Fleisch essen, weil sie arbeiten würden – und wenn andere Leute auf der Welt das nicht könnten, dann weil sie oder ihre Regierungen eben nicht richtig arbeiten würden. Das sei eben die Überbevölkerung.

Auf Deutsch heißt das: Wir identifizieren uns mit der Arbeit, die Arbeit identifiziert uns mit Deutschland, wir essen Fleisch (und fahren Auto), weil das uns fleißigen Deutschen als Ergebnis unseres Fleißes zusteht. Wer nicht so viel hat, dann weil er nicht so fleißig ist – und dann kann er sterben, denn er ist zu viel. So ticken Leute, die kaum einen Euro mehr als ich nach Hause tragen. Und die somit allen Grund hätten, mitleidiger zu sein und die Verteilung des Reichtums mit größerem Misstrauen zu betrachten.

Ich habe danach das Thema noch ein wenig weiter recherchiert, um zu erfahren, woher die Leute den Mist haben. Das Thema ist in den Medien. Allerdings nicht so einseitig, wie man es aus den Reaktionen meiner Gesprächspartner schließen würde. Meine Gesprächspartner sind keine Opfer einer Manipulation; sie wählen ihre Argumente bewusst aus, weil sie ihnen passen. Sie verteidigen sie ebenso bewusst als Wahrheit und lehnen andere Zahlen und Fakten als Verfälschung ebendieser Wahrheit ab. Sie möchten die Überbevölkerung, das heißt die Existenz der Anderen, als Ursache der Weltprobleme sehen. Sie biologisieren, was Gesellschaft ist. (Im Internet fand ich dafür noch ein weiteres Beispiel: 85 wütende Leserbriefe auf einen Artikel, dessen konservativ-liberaler Autor das Wort von der Überbevölkerung rassistisch fand und es in seinem historischen Kontext betrachtete.) Der Verschwörungstheoretiker, der Manipulator, der Verschleierer der wahren Wahrheit bin in ihren Augen ich, bzw. jeder, der ihre Argumente zu entkräften versucht. Meine Erklärungsansätze erscheinen ihnen als so absurd und versponnen, wie mir der Erklärungsansatz jener oben erwähnten Brandenburger zur Wirkungslosigkeit politischer Aktionen.

28.07.2014
Eine Woche lang habe ich die Entwicklung der Weltlage nicht verfolgt. Gestern habe ich dann in allen verfügbaren Medien nachgelesen, was rundrum passiert ist. Es gibt das sprachliche Bild eines Versinkens im Krieg, im Gegensatz zu dem heftigeren und zumindest irgendwo oder von irgendwoher eine Aktion voraussetzenden „Ausbrechen“ des Krieges. Der Osten der Ukraine oder der Irak versinken im Krieg. Um, in und gegen Israel bricht er immer wieder aus. Und zwar immer mit derselben Dramaturgie: Die Mücke sticht den Bauern so lange, bis der sein Besteck hervor holt und um sich einen Todesstreifen sprüht. Dieses Verhalten schadet dem Bauern gesundheitlich erheblich, vergiftet ihn, aber tötet ihn nicht. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Kriegsgeschehen könnte auch daher rühren, wie viele Anhänger eines Todes-und-Töten-Kultes, vulgo Faschisten, mit beteiligt sind. Bei der Hamas und Konsorten ist der Fall klar. Sie schießen deshalb auf Israel, um den Krieg auf sich zu ziehen. Ihr eigenes Überleben, das Überleben ihrer Angehörigen spielt für sie keine Rolle; sie wollen sterbend töten und tötend sterben. In den anderen Konflikten existiert Personal, das ähnlich gepolt ist, aber es bestimmt das Geschehen nicht so ausschließlich, wie die Hamas es in Gaza tut. Der Bürgerkrieg im Osten der Ukraine zieht sich wohl auch deshalb so lange hin, weil es auf beiden Seiten deutliche Kriegsunlust gibt. Im Irak scheinen die Kämpfe um regionale Vormachtstellungen dem nihilistischen Sog der Islamisten immer wieder entgegen zu wirken. Allen drei aktuellen – d. h. in der Presse beobachteten Kriegen – ist gemein, dass sie nicht gewonnen werden können, sie also noch einmal sinnloser sind, als ein Krieg, der immerhin noch ein Ergebnis zeitigt und sei es einen noch so faulen Frieden. Der letzte klar gewonnene Krieg, den ich kenne, ist der Sieg des Vietkong 1975. Seitdem gibt es nur noch zehn, zwanzig, dreißig- oder vierzigjährige Kriege, in die die betreffenden Regionen versinken; wenigstens haben alle weiteren gewonnenen Kriege (Nicaragua, Angola, Mozambique) jahrzehntelange, durch massive Intervention von außen am Laufen gehaltene Bürgerkriege zur Folge gehabt. Es gab außerdem den Iran-Irak-Krieg in den 80ern, der seit gut dreißig Jahren auf seine Weise im Irak selbst fortgesetzt wird und nun auf die ganze Großregion übergreift – wieder heftig von außen angeheizt. Wie auch immer: all das scheint statisch zu sein, eine Form die Überflüssigen zu bewirtschaften, wie ich im Nachwort zum Irene-Roman geschrieben habe. Was sich geändert hat über die letzten Monate ist etwas Innenpolitisches, nämlich dass es mittlerweile vermehrt Versuche gibt, die Bevölkerung für diese kriegerische Bewirtschaftung der Welt zu gewinnen, um sie sowohl als Tötungsexperten als auch als Kanonenfutter einzuspannen. Man müsste auf Friedensdemonstrationen gehen, doch die einzigen die es gibt, sind die gegen Israel.

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