vonkirschskommode 27.08.2021

Kirschs Kommode

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Zum Versagen der Bundesregierung bei der Evakuierung von Menschen in Afghanistan muss ich mir nur eine Frage stellen und weiß Bescheid: Warum hat die Bundesregierung die Hilfskräfte und ihre Angehörigen nicht schon außer Landes gebracht, bevor mit dem Abzug der Truppen begonnen wurde? Denn das wäre das Logische gewesen. Die bewaffneten Kräfte können im Rückzug für ihre eigene Sicherheit sorgen, fliehende Zivilisten können es nicht. Aus diesem Umstand ergibt sich die einzig sinnvolle Reihenfolge der Evakuierungsflüge. Die Antwort auf meine Frage ist mithin, die Regierung wollte und will die örtliche Mitarbeiter*innen lieber in Gefahr und Not bringen und auch lieber darin sterben lassen, als sie nach Deutschland zu holen. Es gab keine unvorhergesehene Situation, die die Rettung dieser Menschen verhindert hat, es war von Anfang an vorgesehen, sie im Stich zu lassen. Die Regierung handelt unmenschlich, aber nach Plan.

In meinen Aufzeichnungen der letzten Jahre findet sich das Stichwort Afghanistan zweimal, einmal 2018, einmal vor ein paar Tagen. Es ist jedes Mal verbunden mit einem anderen Stichwort: Schwarzfahren. Ich stelle die beiden Texte in den Blog. Herr Seehofer hatte sich herzlich und ehrlich darüber gefreut, dass zu seinem 69. Geburtstag 69 angebliche Straftäter nach Afghanistan abgeschoben worden sind. Das ist jetzt vorbei, und wenn Herr Seehofer weiterhin Geburtstagsgeschenke braucht, dann wird er sich an die Todesfälle halten müssen, die durch Verzicht auf Abschiebungen vermeidbar gewesen wären. Rund 1100 Personen sind in den letzten Jahren nach Afghanistan deportiert worden, zum Teil nur deswegen, weil sie volljährig geworden sind und ihnen dann eine mangelnde Bleibeperspektive unterstellt wurde. Niemand wird je erfahren, wie viele von ihnen die Chance haben, die nächsten paar Jahre zu überleben; Herr Seehofer kann sich aussuchen, wie alt er noch werden will. Und ich hätte gern ein Wort für einen wie ihn, eins das ihn charakterisiert. Mir fällt keins ein, das ich hinschreiben könnte und das nicht als Verbalinjurie gälte.

13.09.2018
Ich lese einen Petitionstext und bekomme sofort Bauchschmerzen. Erstens wegen des so oft und hier wieder einmal bemühten Arguments, dass Eingewanderte und ihre Nachfahren überwiegend fleißige, ordentliche und gut integrierte Menschen seien. Was unbedingt richtig ist, aber hier nicht hingehört. Rechte und erst recht Menschenrechte müssen auch die haben, die etwa faul, unordentlich und schlecht integriert sind. Denn ein Recht ist kein Recht mehr, wenn es vom Wohlverhalten desjenigen, der es genießen möchte, abhängig gemacht wird.

Genau das aber möchten die Politiker gern vergessen machen. Und sie müssen es auch, denn nur wenn das vergessen wird, hat es einen Anschein von Rechtsstaatlichkeit, etwa einen zweimaligen Schwarzfahrer aus Afghanistan als Straftäter in den Krieg und ins Elend abzuschieben.

Zweitens, manche Chemnitzer und andere Miesmenschen brüllen inbrünstig „Absaufen, absaufen!“ und jeder, der ein Herz hat, findet das zu Recht widerlich. Aber ist es nicht genau die in der Petition so herzlich um Beistand gegen den Rassismus gebetene Regierung von Angela Merkel, die dieses Absaufen im Mittelmeer tagtäglich organisiert, indem sie die Außengrenzen abschottet und die zivile Seenotrettung behindert? Was fordern die Absaufen!-Rufer denn anderes, als die Bundesregierung schon seit 2016 tatsächlich macht? Das Asylpaket II und die europäische Einigung zum Asyl von vor zwei Jahren sind schreiendes Unrecht, mit dem alle Forderungen der AfD und anderer Rechtsextremer in vorauseilendem Gehorsam längst erfüllt sind.

21.08.2021
Noch einmal: Todesstrafe für Schwarzfahrer. An der Skrupellosigkeit, mit der bis vor wenigen Wochen nach Afghanistan abgeschoben wurde, trotz der dort herrschende Zustände und obwohl absehbar war, dass sie ich in allernächster Zeit noch verschlimmern würden, wird mir wieder einmal klar, von welch durch und durch brutalisierter Generation wir Kinder in den Sechzigern erzogen und geprägt worden sind. Gnadenlosigkeit war das Programm der Erwachsenen, allen voran der Väter, die ich als Kind kennengelernt habe, einer ihrer Lieblingskommentare zu jedem, der etwas in ihren Augen Unpassendes getan oder geäußert hatte, lautete: Rübe ab! Und so haben ihre braven, folgsamen Kinder – die von der Jungen Union sozusagen – dann auch gehandelt, wo immer sie konnten. Bis heute. Allein die Jahrzehnte alte, unbarmherzige Weigerung, Schwarzfahren nicht weiter als Straftat zu behandeln, spricht Bände. Ich weiß nun nicht, wie viele Schwarzfahrer als „Straftäter“ nach Afghanistan abgeschoben worden sind, es wird dazu vermutlich auch keine Zahlen geben. Aber ich weiß, wie man sich „Straftäter“ bäckt, an denen man Härte demonstrieren kann. Zum Schwarzfahren sind die jungen Leute unter den Asylbewerbern, allen voran die jungen, erlebnishungrig auftrumpfenden Männer unter ihnen, nämlich oft geradezu gezwungen, ganz sicher immer dann, wenn sie in Flüchtlingsheimen in ländlicher Umgebung untergebracht sind. Denn dann bekommen sie zwar ein Ticket für den Nahverkehr, aber nur für den prekären innerhalb des Landkreises. Jede Fahrt in die nächste größere Stadt wird dadurch teuer, die Versuchung, dorthin als blinder Passagier zu gelangen, entsprechend groß. Jugendliche sehen die Folgen ihres Handelns nicht immer ab. Aber auch ein gesetzter Mensch kann sich nur schwer vorstellen, dass ein Betrug in der Höhe weniger Euros eine Abschiebung rechtfertigen würde, wegen Kinkerlitzchen würde doch kein Rechtsstaat leichtsinnige Halbstarke den Taliban zum Fraß vorwerfen. Deshalb glaubt mir keiner, wenn ich behaupte, dass Menschen für nicht bezahlte drei Euro fünfzig nach Afghanistan in den Tod geschickt worden sind. Während ich daran kaum Zweifel habe. Ich kenne die Väter und Onkel zu gut, denen ich ein missratener, einer wie Laschet oder Scholz aber ein wohlgeratener Sohn und Nachfahr gewesen sein dürfte. Ich kenne ihre Gnadenlosigkeit. Ich weiß, sie wirkt nach. Sie prägt die Gesetze, ihre Auslegungen und ihre Anwendungen. Wer aufgrund oder infolge einer deutschen Verwaltungsentscheidung zu Tode kommt, hat in den Augen derer, die entscheiden, nichts anderes verdient: Rübe ab, selbst schuld! Das sitzt tief drin.

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