vonChristian Ihle 18.09.2019

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Als mir vorab das neue JETZT!-Album zugeschickt wurde, war ich tatsächlich recht nervös. Wie nicht nur einmal in diesem Blog erwähnt, halte ich JETZT! für die große verlorene Gruppe der deutschen Musikgeschichte, für den Missing Link aus Post-Punk-Gestus und Hamburger-Schule-Diskurs, für den seltenen Fall einer Band, die zugleich über Liebe wie über Deutschland singen konnte.

JETZT! hatten nie ein Album veröffentlicht, ihr ganzes Schaffen war auf einige Kassettensampler, Singles und Demotapes verteilt. Vor zwei Jahren veröffentlichte Tapete Records endlich all diese sonst mühsam von Freunden und dem Internet zusammengesuchten Songs als Album, das auch prompt Platte des Jahres im Popblog wurde.

Als nun tatsächlich Michael Girke – Sänger, Songwriter, Gitarrist und einziges Mitglied von JETZT! – verlauten ließ, ein neues Album aufzunehmen, war das natürlich eine kleine Sensation. Aber auch eine Gefahr: die Band, die nie eine Platte herausbrachte, soll jetzt, dreißig Jahre nach dem Fakt, doch noch ihr Debütalbum veröffentlichen? Kann das gut gehen oder muss es nicht zwangsläufig in einer Enttäuschung enden?

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Die Überraschung: Girke ist auf „Wie es war“ tatsächlich eines der besten Alben des Jahres gelungen. Kaum eine Platte habe ich in den letzten Wochen und Monaten so oft gehört wie JETZT!s spätes Debütalbum. Natürlich ist der Girke von 2019 nicht mehr der junge intellektuelle Rebell von 1984, als er das Aufbegehren gegen den alltäglichen Stumpfsinn – Arbeit, Fernsehen, Schlafengehen, so macht das Leben keinen Sinn – mit der Debütsingle „Acht Stunden sind kein Tag“ niedergeschrieben hatte. Aber der Michael Girke von 2019 kennt die Welt, das Leben und die Liebe. Die Niederlagen und den Kampf um das Glück. Das Lebenswerte im Kleinen, das Warum es sich zu leben lohnt.

Die Liebe leuchtet
so schön am Beginn
Dann wird dir bedeutet
Die Glut verglimmt
Alles ist ein Schwanken
Kommt anders als man denkt
Und doch ich will erreichen
Was man Heimat nennt

Ist Popmusik eine Rom-Com, ein Film der zuende ist, wenn zwei Liebende sich finden, ist „Wie es war“ die Geschichte, wie die Liebe halten, wie eine Beziehung überleben kann. Liebeslieder sind für die Liebe blind, für sie zählt der Traum, nichts gilt das Mittendrin. Girke textet ohne Umwege, gefällig im besten Sinn, aber nie simpel oder platt.

Unheimlich ist, wie fremd du mir bist
Und dann so schön nah
All das am selben Tag
Gestern dies Treffen
Hab bei Freunden gesessen
Und mochte nicht gehen
Ich wollte Uns nicht sehen

Wer jetzt kein Wort findet
Das den Abgrund überwindet
Das uns trotzallem verbindet
Der wird nicht bleiben
Der wird losreissen
Und weit fort treiben
Wer jetzt kein Wort findet

„Wie es war“ erfasst das Ephemere des Zwischenmenschlichen:
wir sind Wolken, sind Momente

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Auf der Bühne:
* 20.September, Roter Salon

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