vonChristian Ihle 28.02.2020

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Kann man vom „DAU“-Film schreiben und dabei vom „DAU“-Projekt schweigen?
Nein, und das aus zweierlei Gründen. Erstens ist das „DAU“-Projekt wohl das mythisch umrankteste Film/Kunst-Projekt der letzten 30 Jahre. Ein Wahnsinn, der 15 Jahre in Arbeit war, und dessen konkrete Drehzeit allein schon über drei Jahre betrug und von dem es 700 Stunden Film gibt, aus dem nun zehn Filme, Serien und Installationen geformt werden. „DAU“ war mit 12.000 qm das größte Filmset Europas, ein richtiges Stadtquartier, in dem während dieser drei Jahre Dreharbeiten 400 Menschen abgeschnitten von der modernen Welt in einer Rekonstruktion eines streng geheimen sowjetischen Wissenschaftsinstituts lebten.

Und hier beginnt auch die zweite, unschöne Geschichte von „DAU“, ohne die auch von ihrem filmischen Ergebnis nicht erzählt werden kann: „DAU“ soll sich über die Jahre zu einer sektengleichen Gemeinschaft mit Regisseur lya Khrzhanovsky als Gottfigur entwickelt haben. Da Leben und Arbeit und Kunst ineinander übergingen und das auch durchaus die zugrundeliegende existentialistische Idee des DAU-Projekts ist, wirkt es beinah zwangsläufig, dass diese Atmosphäre Übergriffigkeiten befördert haben muss. Unter anderem die TAZ hat dazu ausführlich geschrieben*.

Sieht man nach dieser 15jährigen Entstehungsphase einschließlich jüngster Skandalisierung nun mit „DAU. Natasha“ den ersten Spielfilm, dann mutet es fast kurios an, dass das größte Filmset Europas hier für einen Film verwendet wurde, der im Grunde ein Kammerspiel in drei Räumen mit knapp fünf Figuren ist.

Die beiden zentralen Charaktere sind Natasha und Olga, zwei Bedienungen in der Kantine des Instituts. Gut die ersten zwei Stunden des Films verbringen die beiden mit saufen, schreien, ficken, zetern, feiern und saufen. Mal in der Kantine, mal in der Wohnung von Olga. Manchmal zu zweit, manchmal mit befreundeten Wissenschaftlern. Laut wird es immer, echt fühlt es sich ständig an.

Erst nach diesen manchmal wirklich sehr anstrengenden zwei Stunden führen Khrzhanovsky und seine Co-Regisseurin Jekaterina Oertel eine neue Figur, ein neues Setting und eine neue unbehagliche Qualität in „DAU“ ein: der Chef der dortigen Staatssicherheitseinheit (im echten Leben übrigens was? Richtig, ehemaliger Chef einer Staatssicherheitseinheit) bittet Natasha zum Verhör. Und nun wird es wirklich unangenehm, entwickelt „DAU. Natasha“ doch ab diesem Moment einen psychischen Druck, der körperlich fühlbar wird, und endet in einer – hauptsächlich mentalen, allerdings auch sexuell konnotierten – Folterszene, um Natasha als Spitzel zu gewinnen.

„DAU“ steht am Ende tatsächlich ziemlich singulär in der Filmgeschichte, ist in seiner Mischung aus Größenwahn, Kult und entschiedener Verweigerung der Anwendung von kinotypischen Überwältigungstaktiken höchstens mit Lars von Trier zwischen „Idioten“ und „Dogville“ oder einer völlig außer Kontrolle geratenen, sich eine eigene Welt erbauenden Dogma-Bewegung zu vergleichen.

Rein filmisch betrachtet ist „DAU“ ein seltsames Biest geworden, ein anstrengender, nerviger Film, der dennoch eine Dringlichkeit entwickelt, die direkt aus seiner Genese und damit aus seiner selbst heraus entsteht.
Wären nicht auch die Übergriffigkeiten zu diskutieren, dürfte man Khrzhanovsky und Oertel bescheinigen, dass ihr Irrsinn, ihre Megalomanie tatsächlich einen Effekt auf die Leinwand gebracht hat, der in der übertrieben realistischen Nachstellung einer Diktatur diese Diktatur auch für den Zuschauer körperlich fühlbar macht.
Macht das „DAU“ nun zu Kunst oder einem Zoo?

*Ein paar Notizen aus der Pressekonferenz – hier äußerte sich Natalia Berezhnaya, um die es in der zweiten Hälfte des TAZ-Textes (dort: „Natascha“) geht. Natalia Berezhnaya war auch auf der PK und wurde mehrfach darauf angesprochen – sie hat wortwörtlich erklärt, dass sie bei vollen Sinnen und im eigenen Willen diese Szenen gespielt hat (als Antwort auf die Frage im Text: „War Natasha Berezhnaya in diesem Moment psychisch und emotional in der Lage, eine freie Entscheidung zu treffen?“) und dass zudem die Szenen allesamt in ihrem Entstehen von den Darstellern zusammen on the spot improvisiert wurden, also nicht in ihren Details von Khrzanovskiy und Jekaterina Oertel (Co-Regisseurin & -Autorin) geschrieben wurden. Ich hatte bei beiden Darstellerinnen nicht den Eindruck, dass sie diesen Weg nicht gehen wollten.
Zu den NDAs, die im Text erwähnt werden, hat Khrzanovskiy gesagt, dass die NDAs sich ausschließlich auf die Inhalte der Filme bezögen, nicht auf das Drumherum. Kann ich natürlich nicht beurteilen.

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