vonChristian Ihle 29.12.2020

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Es war ein schwieriges Jahr. Nicht nur gab es kaum Kino und deshalb wenig Blockbuster – was aber für die höheren Plätze in dieser Jahresliste traditionell nur eingeschränkt relevant. Aber auch darüber hinaus war dieses Jahr seltsam höhepunktfrei, lediglich Oskar Roehlers „Enfant Terrible“ über Rainer Werner Fassbinder war ein erschütterndes Ereignis, das in seiner Intensität fast nicht zu ertragen war. Dennoch: viele gute, ordentliche Filme gab es auch in diesem Jahr.

(Als Quarantäne-Service ist kursiv angegeben, wenn einer der genannten Filme derzeit auf einem der großen Streaming-Dienste läuft)

1. Enfant Terrible (Regie: Oskar Roehler)

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SO und nur so verfilmt man Fassbinder. Ein Leben wie eine Kerze, die von beiden Seiten angezündet wurde – und zwar mit einem Flammenwerfer.

“Enfant Terrible” ist angemessen unangemessen,
ein Film wie eine Schneise der Verwüstung.
Praktisch unerträglich in seinem Willen zur Destruktion.

Der herausragende Film des Jahres.

2. Exil (Regie: Visar Morina)

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Xhafer, erfolgreicher wissenschaftlicher Manager mit kosovarischem Hintergrund, wird von seinen Kollegen geschnitten und gemobbt – ob aus rassistischen Motiven oder aufgrund seiner Position & Aufgabe in der Firma wird nie explizit ausgesprochen. Xhafers deutsche Ehefrau wendet jedenfalls beruhigend ein: „Du musst das nicht immer auf Rassismus beziehen. Vielleicht mögen sie dich als Mensch einfach nicht“ (wie immer die Beste: Sandra Hüller).

Ein hanekehaft unangenehmer Film über Alltagsrassismus, Paranoia und wie Schlechtes Schlimmes gebiert.

3. DAU: Degeneration (Regie: Ilya Khrzhanovsky, Ilya Permyakov)

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Ein monströser Film. In vielerlei Hinsicht (für die Diskussionen um die Entstehungsweise verweise ich hier gern noch mal auf den längeren Text hier zum Schwesterfilm „DAU: Natasha“).

Mit mehr als sechs Stunden Spielzeit und einer unbarmherzigen Darstellung des Niedergangs ist „DAU: Degeneration“ eine Herausforderung, aber auch eines der beeindruckendsten Kino-Erlebnisse des Jahres.

4. Uncut Gems (Regie: Safie Brothers) NETFLIX

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Wie schon in „Good Time“, dem Vorgängerfilm der Safdie Brüder, wird auch in „Uncut Gems“ der Hektik- und Stressfaktor auf allen Knöpfen hochgedreht: überlappende Schrei-Dialoge, mehr „Fucks“ als in Scarface, ständiges Telefongebimmel, pulsig-knisternder Soundtrack von Daniel Lopatin (Oneohtrix Point Never), Gehetze von einem New York zum nächsten, Adam Sandler auf ADHS…

„Uncut Gems“ besitzt eine manische Intensität, die manchmal schwer zu ertragen, aber auch nicht zu verneinen ist. Sein Ende ist so abrupt, überraschend und tragisch, dass es mich erwischt hat, wie ich das in den vorangegangenen 125 Minuten nicht erwartet hätte.

5. Schlingensief: In das Schweigen hineinschreien (Regie: Bettina Böhler)

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Er fehlt.
Er fehlt so sehr.

Ein wunderbarer Rückblick auf Schlingensiefs Werk und Leben. 120 Minuten Grinsen im Gesicht, 5 Minuten Tränen in den Augen.

6. Curveball (Regie: Johannes Naber)

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Ein deutsches „Burn After Reading“, das auf fast jeder Ebene gelingt!
„Curveball“ nimmt als Ausgangspunkt die wahre Geschichte um einen falschen Informanten des BND, der (grob verkürzt gesprochen) den Irakkrieg ausgelöst hat, um daraus eine Agenten- und Bürokratiekomödie zu drehen, die sich gewaschen hat.

7. Tenet (Regie: Christopher Nolan)

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„Tenet“ ist großes Blockbuster-Kino, das sein enormes Budget richtig einsetzt, und deshalb der genau richtige Film, um zu beweisen, dass Leinwände nicht durch Laptops ersetzbar sind.

8. Never Rarely Sometimes Always (Regie: Eliza Hittman)

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Naturalistisches Abtreibungsdrama um zwei 17jährige Mädels, die aufgrund der rechtlichen Regelungen vom pennsylvanischen Land nach New York reisen müssen, um dort die Abtreibung vornehmen zu können. So spielt „Never Rarely Sometimes Always“ auch wie ein modern-depressives Abbild von „Midnight Cowboy“ – nur dass hier nicht New York selbst als Moloch die beiden Streuner verschlingt wie damals Jon Voight & Dustin Hoffman, sondern die gesellschaftlichen Strukturen der männlichen Machtausübung die beiden Frauen in ständige Unruhe und Unsicherheit versetzen.

9. 1917 (Regie: Sam Mendes)

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Zwei Szenen aus diesem One-Shot-Film über den ersten Weltkrieg bleiben: die phantasmagorische Hölle des Straßenkampfes in brennenender Nacht und die Querlaufsequenz beim Sturm auf die deutsche Seite. Bei letzterem kommt wirklich Form und Inhalt zusammen. Ein Bild, das man so noch nie gesehen hat und das gleichzeitig kommentarlos ein Statement gegen den blind stürmenden Kriegseifer setzt. Wäre Sam Mendes so etwas häufiger gelungen, „1917“ wäre sogar mehr als brillantes Entertainment.

10. Les Miserables (Regie: Ladj Ly) AMAZON PRIME

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Ein Tag im Mikrokosmos einer französischen Banlieue. Ein neuer Polizist auf Streife mit zwei alteingesessenen Kollegen, Muslimbrüder auf Indoktrinationstour, Drogendealer, Zirkuszigeuner (sic!), Vorortbürgermeister und vor allem: Kids, die nichts zu tun haben und für die etablierte Abmachungen und gegenseitige Arrangements nicht mehr zählen.

Ladj Ly fängt in seinem ersten Spielfilm diesen flirrend heißen Tag in der Banlieue während der Weltmeisterschaft 2018 gut ein: Die Nervosität allerorten, die Unter-der-Hand-Deals, das Nichtstun und das Scheissebauen.

Der Plot holpert ein wenig durch diesen heißen Tag, kulminiert scheinbar in einer Eskalation aus Kids und Police, um dann doch wieder in der Hitze des Tages durchzuhängen – bis die letzten zwanzig Minuten den Deckel vom Dampfdrucktopf dieser Hochhaussiedlung nehmen und Paris brennt.

11. Queen & Slim (Regie: Melina Matsoukas)

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Ein „Bonnie & Clyde“ für die Black Lives Matter Generation.

12. Aufzeichnungen aus der Unterwelt (Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel)

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Sitzen zwei Schlawiner im Heurigen…

13. Sorry We Missed You (Regie: Ken Loach)

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Eine weitere sehr gute Episode aus Ken Loachs „Der Kapitalismus, seine menschlichen Katastrophen und die Politik, die dieses unwürdige Leben zulässt“ – Predigt.

14. Undine (Regie: Christian Petzold)

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Petzolds „Shape Of Water“ mit einer erneut bezaubernd schrägen Paula Beer.

15. The Hater (Regie: Jan Komasa) NETFLIX

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„The Hater“ ist ein gleichermaßen politischer wie gesellschaftskritischer Film und buchstabiert die Möglichkeiten der Hass-Erzeugung via Technologie – und hier im Besonderen natürlich Social Media – von A bis Z durch.

16. Sputnik (Regie: Egor Abramenko)

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Wer „Chernobyl“ geliebt hat, aber gerne mehr Aliens im sowjetrussischen Bürokratiedschungel gesehen hätte.

17. Berlin Alexanderplatz (Regie: Burhan Qurbani)

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Qurbani gelingt in der Verfilmung von Döblins Jahrhundertroman vieles, was sein „Berlin Alexanderplatz“ mindestens zu einem faszinierenden Fehlschlag macht, der mir allemal lieber ist als betuliches Deutschen-Kino.

18. I See You (Regie: Adam Randall) AMAZON PRIME

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Trotz des generischen Titels ein recht origineller Horrorfilm, der das Serienkillergenre mit dem Home-Invasion-Film geschickt verquickt.

19. Mank (Regie: David Fincher) NETFLIX

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David Finchers Rückkehr zum Film nach sechs Jahren Pause auf Basis eines Drehbuchs seines Vaters ist ganz offensichtlich ein Liebeswerk, ein Brief an ein untergegangenes Hollywood.

20. Welcome To Chechnya (Regie: David France)

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Bestürzende Dokumentation über die LGBT-„Säuberungen“ in Tschetschenien, die von der Polizei forciert, von Familien durchgeführt, von der Regionalregierung gefordert und von Putin nicht unterbunden werden.

21. Sweet Thing
22. Little Joe
23. Bad Education
24. The Trial Of The Chicago 7 NETFLIX
25. Freies land AMAZON PRIME
26. Mare
27. His House NETFLIX
28. I’m Your Woman AMAZON PRIME
29. The Lodge
30. DAU: Natasha

31. Anne At 13.000 Feet
32. Königin AMAZON PRIME
33. Nackte Tiere
34. Relic AMAZON PRIME
35. White Riot
36. Call NETFLIX
37. 21 Bridges AMAZON PRIME
38. Ultras NETFLIX
39. Knives Out AMAZON PRIME
40. Weißer, weißer Tag AMAZON PRIME

41. A Good Woman Is Hard To Find
42. Da 5 Bloods NETFLIX
43. Bombshell AMAZON PRIME
44. Der Unsichtbare
45. Das freiwillige Jahr
46. The Gentlemen AMAZON PRIME
47. Tatort: In der Familie 1 ARD MEDIATHEK
48. 40 Year Old Version Of Me NETFLIX
49. The Assistant
50. Family Romance, LLC

Die Vorjahressieger:

2019: Midsommar (USA, Regie: Ari Aster)

2018: Hereditary (USA, Regie: Ari Aster)

2017: RAW (F/BEL, Regie: Julia Ducournau)

2016: Green Room (USA, Regie: Jeremy Saulnier)

2015: Victoria (D, Regie: Sebastian Schipper)

2014: Boyhood (USA, Regie: Richard Linklater)

2013: Upstream Colour (USA, Regie: Shane Carruth)

2012: Drive (USA, Regie: Nicolas Winding Refn)

2011: Submarine (UK, Regie: Richard Aoyade)

2010: Bad Lieutenant: Port Of Call – New Orleans (USA, Regie: Werner Herzog)

2009: Inglorious Basterds (USA, Regie: Quentin Tarantino)

2008: No Country For Old Men (USA, Regie: Joel & Ethan Coen)

2007: Ex Drummer (Belgien, Regie: Koen Mortier)

2006: Match Point (USA, Regie: Woody Allen)

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