Archive for Januar, 2010

30.01.2010 von Helmut Höge
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Schwache und starke Moral

von Helmut Höge

(Photo: Peter Grosse)

In den Sozial- und Geisteswissenschaften redet man gerne von schwachen bzw. starken Thesen und Begriffen, in der (Latourschen) Wissenschaftssoziologie spricht man nun – ähnlich wie die Schimpansenforscher im Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie – von einer “schwachen”  und einer “starken Moral”. Zuvor war bereits von Moral versus Zwang die Rede gewesen. Konkret herausgearbeitet hatten Bruno Latour und Michel Callon diese Begriffe am Beispiel von “Spead-Breakern” (- sogenannte “sleeping cops”, mit denen man Straßen verkehrsberuhigt) und Pollern (Straßenbegrenzungspfähle, auch “stumme Polizisten” genannt, die das Parken auf Gehsteigen verhindern).

Mit dieser  Technik aus Beton, Stahl und neuerdings Elektronik wird die zu “schwache Moral” der Autofahrer ersetzt durch eine “starke Moral” der Technik: Statt an ihren Altruismus (Nimm Rücksicht auf Fußgänger!) zu appellieren, verläßt man sich dabei umgekehrt auf ihren Egoismus – als Autobesitzer, die sich von den Pollern bzw. Speed-Breakern nicht die Karosserie ramponieren lassen wollen. Die… weiter lesen

26.01.2010 von Helmut Höge
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Lokal handeln/Global denken

von Helmut Höge

1. Das Netzwerk “Lokomotive Karlshof”

von Gabriele Goettle

“Warum Rosen besingen, Aristokrat! Besing die demokratische Kartoffel, die das Volk nährt!” (Heinrich Heine)

Peter Just, landwirtschaftlich engagierter Bibliothekswissenschaftler, wurde 1975 in einem Dorf bei Göttingen als Lehrerssohn geboren. Nach dem Abitur studierte er am Osteuropa-Institut der FU Berlin Politikwissenschaften, nach vier Semestern Wechsel zu den Bibliothekswissenschaften an die Humboldt-Universität (Schwerpunkt Elektronische Medien). Nach dem Magister Arbeit in einem Kreuzberger Verlag. 2006 Einstieg ins NKL-Projekt “Lokomotive Karlshof” (NKL steht für “nichtkommerzielle Landwirtschaft”). Zeitgleich Gründung des Internetbuchladens reiseliteratur-online.de (Belletristik und Sachbuch zum jeweiligen Reiseland) und des neuen Ablegers links-lesen.de (dessen Erträge dann wiederum in die NKL fließen, in ein linkes Hausprojekt in Potsdam und einen antisexistischen Frauen-Info-Laden in Neuköln).

Ein beliebter Che-Guevara-Spruch in der linken Szene war: Seid realistisch, fordert das Unmögliche!” Auf dem Karlshof wird das Unmögliche nicht nur gefordert, es wird von den Utopisten einer “nichtkommerziellen Landwirtschaft” (NKL),… weiter lesen

25.01.2010 von Helmut Höge
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ANT-Anklänge

von Helmut Höge

Power to the Bauer

Das könnte das Motto der Grünen Woche sein, wobei die “Power” durchaus amerikanisch mittels neuer Technik, Anbauverfahren, Versammlungen  (bis hin zu Blasmusik von Trachtenkapellen) und kollektiven Belehrungen durch Weißkittel aller Art kommen soll. Heuer gab es eine ganze Biowaren-Halle von “Fair Trade” (in der es genauso gut roch wie in einem Bioladen), aber daneben hatten sich auch Nestlé, Coca-Cola und Mc-Donald’s ins Zeug gelegt – und lockten die Jugend mit Fitnessgeräten. In der Halle des Deutschen Bauernverbandes, der dort 2009 noch mit Lidl kooperierte, lagerte nun eine komplette Kuhherde in einem modernen Stall. Ab und an stand eine auf und ließ sich vom Melkroboter “Lely Astronaut” (der natürlich “Agronaut” hätte heißen müssen) 10 Liter Milch abzapfen.

Noch intellektueller ging es in der “Halle der Landwirtschaftsministerin” zu. Dort begeisterte mich am Stand des staatlichen Julius-Kühn-Instituts für Pflanzenanalytik in Klein-Machnow ein Lehrfilm aus einem Kieler Schädlingsforschungsinstitut über… weiter lesen

21.01.2010 von Helmut Höge
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Kambodscha – Same Same But Different

von Helmut Höge

Hier ein kleiner Hintergrund-Text zu Detlef Bucks neuem Film, der wahrscheinlich und leider wieder eine Schmonzette ist. Wikipedia faßt den Filmfilm folgendermaßen zusammen:

“‘Same Same But Different’ spielt in Kambodscha. Benjamin, ein deutscher Abiturient, befindet sich als Rucksacktourist auf seiner ersten großen Reise. In einer Diskothek in Pnom Penh lernt er die junge Einheimische Sreykeo kennen, in die er sich verliebt. Obgleich sich herausstellt, dass Sreykeo als Prostituierte arbeitet und HIV-positiv ist, entscheidet sich Ben für diese Liebe.”

In der taz schreibt Tilman Baumgärtel heute – live aus Pnom Penh sozusagen, wo der Film Premiere hatte:

Einige der kambodschanischen Statisten, mit denen Detlev Buck “Same Same But Different” gedreht hat, sind Studenten am Department of Media and Communication an der Königlichen Universität von Phnom Penh, wo ich zurzeit unterrichte. Eine Woche nach der Premiere im Cine Lux sitzen wir im Seminarraum und diskutieren über denweiter lesen

20.01.2010 von Helmut Höge
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Bauer sein/Bauer werden

von Helmut Höge

“Wer Countrymusic spielen will, muß eine Menge Mist gerochen haben.” (Hank Williams)

- “Als Portugal Mitglied der Europäischen Union wurde, konnten die Bauern nicht mehr mithalten – auch weil durch das Erbrecht ihr Land immer kleiner wurde. Viele junge Menschen verließen die Höfe und suchten in den Städten Arbeit und Auskommen. Seit einiger Zeit besinnen sich viele Portugiesen ihrer ländlichen Wurzeln und kehren als Biobauern aufs Land zurück.” (Deutschlandradio Kultur)

- Ähnliches gilt für Polen, wo man beim Aushandeln der Agrarsubventionen der EU große Agrarbetriebe – von denen nicht wenige inzwischen in ausländischer Hand sind – bevorzugte, um sie wettbewerbsfähig zu machen, gleichzeitig sollte damit bewirkt werden, dass von 4 Millionen polnischen Kleinbauern etwa die Hälfte aufgibt – und als Arbeiter sein Auskommen sucht.

Das geschah auch bereits, wobei viele Polen als Erntehelfer bzw. Saisonarbeiter in englischen, irischen, deutschen und holländischen Agrarbetrieben Arbeit fanden. Damit war es jedoch wegen der… weiter lesen

19.01.2010 von Helmut Höge
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Kreuzberg S.O. 36 (nosing around)

von Helmut Höge

Geschichte der O.

Bis in die Siebzigerjahre gab es in Kreuzberg 36 nur zwei Restaurants: die “Stiege” und das “Samira” – jeweils am einen und am anderen Ende des Amüsierabschnitts der Oranienstraße gelegen. Die Oranienstraße wird oft nur kurz “O” genannt, vor allem von den mit Becksflaschen in der Hand Rumlaufenden, weswegen ein amerikanischer Amüsierkonzern seine neue Vergnügungshalle auf der anderen Spreeseite jetzt auch “O2″ (“-World”) nannte. Die “Stiege” und das “Samira” gehörten und gehören den palästinensischen Brüdern Seoud.  Nachdem wir jahrzehntelang dort eingekehrt waren, baten wir Mahmoud Seoud um ein Interview.

Claudia Basrawi/Helmut Höge: Was hat sich verändert in all den Jahren in Kreuzberg?

Mahmoud Seoud: Viel, aber der Kiez ist noch da. “S.O. 36 bleibt!” wie es heißt. Dass sich McDonald’s hierher gewagt hat, finden wir allerdings unglaublich. In unseren Lokalen haben wir eine Menge Stammgäste seit der Wende verloren, dafür kommen nun vor allem spanische Touristen,… weiter lesen

17.01.2010 von Helmut Höge
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Schafe aufzeigen (19)

von Helmut Höge

Weiße und schwarze Schafe stehen Rede und Antwort auf der Grünen Woche, die gestern anfing.

Die feministischen US-Anthropologen  Shirley C. Strum und Linda M. Fedigan organisierten 1996 im brasilianischen Teresopolis einen Kongreß mit Primatenforschern und Wissenschaftssoziologen. Was den Primatenforschern die Primaten sind für die Wissenschaftssoziologen u.a. die PrimatenforscherInnen.

Der Wiener “Falter” schrieb über den Kongreß, dessen Ergebnisse 2000 unter dem Titel “Primate Encounters. Models of Science, Gender and Society” von Strum und Fedigan veröffentlicht wurden:

“Es war ein ziemlich einzigartiger wissenschaftlicher Workshop, der im Juni 1996 im brasilianischen Teresopolis stattgefunden hat. Während in der angloamerikanischen Welt die so genannten “Science Wars” zwischen Vertretern der Naturwissenschaften und ihren Beobachtern aus der Wissenschaftsforschung tobten, trafen sich in jenem kleinen Ort bei Rio Primatologen aus aller Welt, um gemeinsam mit einigen Wissenschaftsforschern über die Geschichte ihres Faches, den dramatischen Wandel primatologischer Erkenntnisse und mögliche Gründe für diese Veränderungen zu diskutieren. So… weiter lesen

13.01.2010 von Helmut Höge
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Hammel & Sicher (3)

von Helmut Höge

“Es geht nicht darum, immer mehr zu verdienen, sondern immer weniger zum Leben zu brauchen.” (Alexander Solschenizyn)

Eine Meldung (vom 8.1.), die bisher noch zu wenig ventiliert wurde:

Die Mehrheit der Bundesbürger ist einer Umfrage zufolge gegen Steuersenkungen im kommenden Jahr. Im ARD-„Deutschlandtrend“ sprachen sich 58 Prozent der Befragten gegen die Pläne der schwarz-gelben Bundesregierung aus, lediglich 38 Prozent dafür. Selbst unter den Anhängern der FDP, die sich vehement für eine Steuerreform ab 2011 einsetzt, sind 53 Prozent gegen Steuersenkungen und nur 43 Prozent dafür, wie die am Donnerstag veröffentlichte Umfrage von infratest-dimap im Auftrag der ARD ergab.

Am stärksten ist die Ablehnung der schwarz-gelben Steuerpläne mit 69 Prozent bei den Besserverdienern (Haushaltseinkommen von 3000 Euro netto und mehr im Monat). In Haushalten, in denen weniger als 1500 Euro netto zur Verfügung stehen, finden sich dagegen mit 49 Prozent die meisten Befürworter für die geplanten Steuersenkungen.

Grob gesagt: dassweiter lesen

12.01.2010 von Helmut Höge
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Hammel & Sicher (2)

von Helmut Höge

Hausmeisterkunst gegen den verdammten “Guten Rutsch”, den sich alle immer gegenseitig wünschen.

Auch zu der Notwendigkeit der Aufhebung von Hand- und Kopfarbeit, wie sie der marxistische Erkenntnistheoretiker Alfred Sohn-Rethel sah, hat die Akteur-Netzwerk-Theorie etwas zu sagen – im Zusammenhang ihrer Überwindung einiger liebgewordener Dichotomien. Wobei es auch hier darum geht, der diesbezüglichen Praxis von unten eine Theorie zur Seite zu stellen, die auf ihrer Höhe ist. Latour erwähnt beispielhaft die Aktivitäten von Umweltschützern und  Patientenorganisationen:

“Seit ihrer Entstehung ist bekannt, dass heute sehr viel mehr Leute selbst Forschungsfragen formulieren, auf Forschungsvorhaben bestehen, und nicht nur jene, die einen Doktortitel oder einen weißen Kittel tragen. Wenn ein entscheidender Teil wissenschaftlicher Aktivität darin besteht, die Fragen zu formulieren, die gelöst werden sollen, so ist klar, dass die Wissenschaftler hierbei nicht länger unter sich bleiben.”

Wobei verschiedene Fall-Arten bei rauskommen

“Wenn in früherer Zeit ein Wissenschaftler oder Philosoph daranging, methodische Regelnweiter lesen

11.01.2010 von Helmut Höge
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Hammel & Sicher (1)

von Helmut Höge

Laßt 100 Poller rauchen

“Friedensstifter Straßenpoller”

- so heißt eine wissenschaftliche Hausarbeit im Fachgebiet Techniksoziologie, die Jan ­ Michael Kühn 2007 am Institut für Soziologie der TU Berlin einreichte.

“Friedensstifter Poller?”

Noch mal gefragt: “Friedensstifter Poller”?

Nun habe ich die Hausarbeit von Jan ­ Michael Kühn leider nicht lesen können, weil man per Kreditkarte oder Ähnlichem 4 Euro 99 zahlen muß, um sie im Internet lesen zu können (als PDF zu downloaden, wie es heißt) – und ich arbeite immer noch analog, d.h. zahle alles bar. Deswegen weiß ich genaugenommen auch nicht, was der Autor mit der Poller-Bezeichnung “Friedensstifter” überhaupt meint. Er hat dazu erst einmal nur eine “Zusammenfassung” (Abstract, wie es heißt) im “Netz” freigegeben:

“Where are the missing masses”, welche der Gesellschaft Stabilität verleihen? Diese Frage stellt sich der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour in seinem Text „The Sociology of a Fewweiter lesen