Glos und die Generäle
von Claudius Prößer
El Mercurio: Und wie sehen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in der Region?
Michael Glos: Was das betrifft, ist Chile ein vorbildliches Land. Ich weiß, dass die Generäle sich selbst in wirtschaftlichen Dingen für nicht allzu kompetent hielten und deshalb Experten ins Land geholt haben. Das hat dazu geführt, dass die Wirtschaft hier eine sehr positive Entwicklung durchgemacht hat, dass Chile in der Region führend ist. Natürlich entschuldigt das nicht, dass es in diesem Land Menschenrechtsverletzungen gegeben hat. Aber es ist auch eine Tatsache, dass hier die Basis dafür gelegt wurde, dass Chile heute eine Vorbildfunktion für die gesamte Region innehat.
Merke: Nicht nur die Chicago Boys haben den Generälen seinerzeit unter die Arme gegriffen, sondern auch die Hanns-Seidel-Stiftung, für die der Staatsrechtler Dieter Blumenwitz nach 1979 Chile reiste. Er leistete den Generälen Schützenhilfe bei der Ausarbeitung der am 11. September 1980 mit einem fragwürdigen Plebiszit verabschiedeten und (mit Modifikationen) bis heute gültigen Verfassung.
Tanz das Chile
von Claudius PrößerAber wie viel Chile steckt in “Ein Stück von Pina Bausch” (so der Arbeitstitel)? Den ersten Rezensionen nach zu schließen, eher wenig – aber ganz genau weiß das nur das Auge des Betrachters:
Es muss sehr heiß gewesen sein in Chile, wo Pina Bauschs neues Stück entstand. Und knochentrocken war’s wohl auch – so trocken, dass der weiße (Bühnen-)Boden Risse und gefährliche Spalten bekommt. (Ruhr Nachrichten)
Das Große Chile-Erdbeben von 1960 jedenfalls zeigt Pina Bausch nicht gerade. Einmal lässt sie ein wenig mit Kartoffeln werfen, aber vorsichtig, einmal halten die Tänzer offene Weinflaschen schräg über ihre Köpfe, aber kein Tropfen wird vergossen. Die noch titellose Szenenfolge ist nicht besonders chilespezifisch. (Frankfurter Rundschau)
(…) erklingen Lieder von Violeta Parra und Victor Jara, Ikonen der Nueva Canción Chilena. Jara wurde 1973 nach dem Putsch Pinochets gegen Allende verhaftet, gefoltert und ermordet. Der Name Victor wird leise aufgerufen in der dunkelsten Szene, als der Opfer der Militärdiktatur gedacht wird. Dominique Merci und die anderen Männer des Ensembles legen sich in einer Reihe zu Boden, jeder zieht sich eine raue Decke erst über den Körper, dann über den Kopf. Sie scheint endlos zu sein, die Kette der Toten. (Der Tagesspiegel)
Nur in Spurenelementen sind diesmal die Bezüge zum Koproduktionsland – sonst reich sprudelnde Bilder- und Assoziations-Quelle – nachweisbar: Eindeutig lediglich beim komischen Kurzbesuch einer mit Alpaca-Mützchen und Poncho ausgestatteten Figur, die einige Augenblicke auf einem Stuhl sitzt und mit Befremden dem pulsierenden tänzerischen Treiben auf der Bühne zuschaut. (nachtkritik.de)
Auch das Rauchen einer Zigarette und das reichliche Wasser-Trinken sind alte Pina Bausch-Topoi. Doch bekommen sie hier und jetzt einen neuen Sinn. Der Rauch steigt auf wie aus einem chilenischen Vulkan, und das reichliche Trinken, oft aus unmöglichen Lagen und unter seltsamen Verrenkungen, wird in der trockensten Wüste der Welt zur Überlebens-Notwendigkeit (…) ein großes Thema oder auch nur ein roter Faden fehlt; der eine oder andere Hinweis auf karge Lebensumstände, vielleicht sogar Pinochets Schreckensherrschaft, bleibt allzu blass. (Die Welt)
Noch Genaueres weiß nur Pina Bausch.



