vongnu 27.04.2019

GNU – Literarische Grotesken

Damals wie Heute das zynische Lächeln über die menschliche Irrfahrt. | Foto: prawny@fotolia.de

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In einem metallischen Raum stehen Regalreihen, die bis zur Decke gefüllt und geordnet, obskure Behältnisse verstauen. Jedes von diesen Gläsern enthält ein Gehirn, das in einer fluoreszierenden Lösung schwappt. Dünne Schläuche verbinden den Hippotalumus mit einer blinkenden Platine. Vor jedem Glas befindet sich ein Schildchen. Ein Oktopus fixiert mit seinen Saugnäpfen, Stück für Stück, die polierte Oberfläche des Bodens und hievt seinen leblosen Körper vor. Ein bestimmtes Regal, er hält er inne und löst das vergilbte Schildchen von einem der Gefäße. Dann bringt er ein neues an und setzt schwerfällig, doch von einem Willen bestimmt, sein Bewegungszyklus fort und scheint einer nicht bekannten Bestimmung zu folgen. Die Krake verschwindet schließlich aus dem Blickfeld.

C. Manello war schonmal hier. Seltsam, wie ein ewiger Traum aus dem er erwachte. Vieles ist unbekannt und einiges doch scheinbar vertraut. Als hätte er das alles schon einmal durchlebt und hinter sich gebracht und jetzt musste er schon wieder antreten. Von Neuem.

Die Nostalgie in Videotheken. Er schlendert durch verlassene Regale. Einer studiert eine Tageszeitung, doch nimmt kaum Notiz von ihm. Zwischen  Videobändern ist ihm der Geschmack des Erfolges und die Ekstase des Rausches  abhanden gekommen. Schemen der Vergangenheit, als seine Eltern noch jung waren und nach der Freiheit strebten. Jetzt trug er ihre Kleider und teilte ihre Sehnsucht nach unerreichbaren Idealen. Eines Tages werden auch seine Kinder die Hornbrille auf der Nase tragen. DAMALS, ein passendes Wort für den Zustand. Es war ihm klar, dass DAMALS, die Situation recht gut beschreiben würde. Einige Sonnenstrahlen drangen durch die Schlitze in der Jalousie in den Raum. Sonnenbrille auf Augen. Trotzdem überkam ihn ein Anflug von Gram und Melancholie. Er konnte nichts dagegen unternehmen, der Sommer bringt zuweilen solche Gefühle mit sich. Er entschied sich ohne eine Videokassette den vergessenen Laden zu verlassen. Der Zeitungsleser schaute nicht auf, wieso auch, Kundschaft war er schon lange nicht mehr gewohnt.

Draußen hielt Manello an und blieb vor einer Ampel stehen. Als er einen kleinen Beutel mit weißen Pulver aus seiner Hosentasche zog und damit seine feuchten Schneidezähne panierte, wunderte er sich. Er war sich bis dato nicht ihm Klaren, dass das Kokain seine Wirkung längst verloren hatte. Mit dem Sex verhielt es sich ähnlich, auch dieser war unlängst bedeutungslos. Ein Prozess zweifelsohne, die Leichtigkeit ging verloren, anders konnte er es sich nicht erklären, ein Prozess. Bei alle den Jux und durchnächtigten Zuständen schien er diesen Prozess nicht bemerkt zu haben und umso mehr erschreckte in der Zustand, der in just überholte.

Ein seltsames Inserat zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Da hing an Schild direkt über den Ampeltaste.

»Seriöser Nebenjob. Keine Qualifikationen erforderlich. Gute Bezahlung.«

Wieso nicht ein neues Kapitel aufschlagen. Er wählte die Durchwahl, musste nicht allzu viel erzählen und wurde zur Einstiegsschulung eingeladen. 1.200,-€, diese Summe sollte er monatlich überwiesen bekommen , falls er an Banknoten glaubte und Geld wollte. Er willigte ein. Die kryptische Floskel zur Honorierung seiner Leistung verwirrte ihn ein wenig, anderseits sah er es als ein Spiel, das Lebenserfahrung versprach. Aussteigen konnte er noch jederzeit, Aussteigen können wir jederzeit und überall.

Blende auf.
 An all jene, die diese Sendung verfolgen; heute haben wir einen ganz besonderen Gast. Tim Tan, der Geschäftsführer der Crispr Clean Corporation wird nun den Kern seiner Markenphilosophie präsentieren.

T. Tan: Transparenz ist eine wichtige und richtige Wertvorstellung. Deshalb möchte ich die Gesellschaft für wichtige sozio-komplexe Fragestellungen sensibilisieren. Das grundsätzliche Ziel der Crispr Clean Corporation ist die Sicherung des menschlichen Fortbestandes. Im Grunde muss dafür der Mensch, für die Zukunft vorbereitet werden, was nur gelingen kann, wenn sich sein geistiges Potenzial vollständig entfaltet. In einer sich verändernden Umwelt bedarf es Korrekturen um überlebensfähig zu bleiben und die Existenz auf die kommenden Bedrohungen vorzubereiten. Im Grunde verfolgt die Crispr Clean Corporation keine ökonomischen Interessen, sie agiert ausschließlich auf gemeinnütziger Basis und möchte allen Menschen, wirklich allen Menschen, unabhängig ihrer Herkunft, die gleichen Chancen bieten. Eine gerechte Ressourcenverteilung, keine Strukturen, keine Hierarchien. Das Schwarmbewusstsein garantiert das Überleben. Studien führen ins Tierreich. Weiterhin hat unser Vorhaben nichts mit dem Designerbaby aus der Retorte gemein – wir lehnen den Kapitalismus ganz und gar ab. Wir verzichten auf jegliche Individualität und Einzigartigkeit. Zugegebenermaßen ein großer Verzicht für den Einzelnen, doch denken Sie an die Vorteile und den Ärger mit Ihren schlechten Eigenschaften. Sie verstehen mich, jeder der die Dringlichkeit dieser Operation erkennt, jeder der sich um die folgenden Generation sorgt, wird einsehen müssen, dass unsere charakterlichen Defekte keine künftige Lebensgrundlage bieten können. Geschlossen sind wir stark. Die Norm sichert unser Überleben. Leben, das ist das einzige, wirklich einzige Ziel. 
Vielen Dank für die Sendezeit.

Das leichte Schmatzen, wenn eine Zigarette verglüht und die Glut, Zentimeter für Zentimeter, den Tabak äschert. 

Letzten Endes ist der Satanismus das Triebhafte. Hingabe und Triebhaftigkeit kennt keine Ethik – einfache Rechnung. Der Stärkere setzt sich durch und sichert das Überleben seiner Angehörigen. Nicht zwangsläufig muss hierbei der Kampf provoziert werden, in einer Welt aus Starken, kann jeder, autonom über sein Revier walten. Nun ist es so, dass dieses Sozialdarwinistische Streben mit dem Glanz und Glitter kaschiert wird. Stichwort Kapitalismus. Menschen konsumieren bis die Schwelle überschritten wird. Zugegebenermaßen dauert dieser Prozess Jahrzehnte. Doch wenn der Tausch von Waren gegen bedrucktes Papier keine Emotionen mehr zulässt, bleibt ein Zustand der Leere. Vielleicht ist das, das einzig mystische am Kapitalismus, also dem Satanismus, dass er ein überirdisches System beschworen hat, dass sich verselbstständigt hat und sich den Menschen nun entledigen wird. Kommunisten sprechen von der Weltrevolution, das internationale Proletariat vereint seine Kräfte um die besagten Herrscher, die 10%, die für das Leid der anderen 90% verantwortlich sind, vielleicht die Echsenmenschen, vom Thron zu stürzen und ihren Platz einzunehmen. Damit fängt es an, ihren Platz einzunehmen? Man kann das Eigenleben des Moloch nicht stoppen. Der Größte Idealist würde zum Knecht eines gewaltigen Riesen. Das gilt auch für die Weltrevolution. Es ist lächerlich, dass die größten Atheisten an bedrucktes Papier glauben und damit die Welt in Ketten legen. Die große Klaue hält den Erdball fest umschlossen.

Es gibt da noch andere Ideologien, zwischen rechts und links, schließt sich der Kreis und Andersdenkende werden nicht toleriert. Es schmerzt schon sehr, wenn andere Menschen andere Ansichten haben.

Die Demokratie, die Mehrheit setzt sich durch, das Volk entscheidet, der Stärkere setzt sich durch – schade, fraktionsübergreifend ist das, das Kapital. Kapitalismus – Satanismus – Sozialdarwinismus.
Keine Sorge, dass Kapitel Religion wird nicht weiter ausgeführt.

Weltuntergangsstimmung. Wir wissen was kommt – ALLE. ALLE wissen es. Wollen wir es? Will es das System? WIR: NEIN. DAS SYSTEM: JA, SOBALD WIR UNS DEN REST ENTLEDIGEN KÖNNEN, OHNE DABEI SELBST DIE AUFZUGSFAHRT NACH UNTEN ZU NEHMEN.

Mann lacht über seltsame Witze. Er glaubt an nichts, nur an sich, der Einzige, der Individualist mit Haltung, eine eigene Ethik. Er muss nur mit dem eigenen Spiegelbild in Einklang kommen. Er vertraut darauf, dass er anderen vertrauen muss, dass ihm andere dafür wiederum vertrauen und Nutzen bringen. Also der nutzenorientierte Mann mit Haltung, weitergedacht, Homus Oeconomicus.

AUSSTEIGEN. AUSSTEIGEN. Der Polyp klammert mit seinen Tentakeln weitere Schilder und einige Bildchen gleiten langsam zu Boden. Auch wenn ich mich nicht mehr erinnern kann, irgendwie kenne ich das alles. Naja.

C. Manello ist verwirrt, sein Körper zittert von den heftigen Trips und er hört das leichte Schmatzen von der Zigarette, die in seinen Händen verglimmt. Er sitzt unter Freunden. Es sind seine besten Freunde. Er kann erahnen, was sie gerade umtreibt. Ob sie ähnlich empfinden? Er fühlt sich trotzdem einsam. Guten Freunden gibt man ein Küsschen. Er geht, dreht sich um und blickt dem Mädchen tief in die Augen. Sie weiß was er denkt, jetzt weiß er es. Er geht trotzdem.

Die Trauer und die Sehnsucht in die Ferne. Das »Ariel Pink-Syndrom«. Jene Stimmung überkommt ihm bei dem Song »Another Weekend«. Die Ferne ruft, die Suche nach den Relikten einer untergegangenen Dekade zwischen Vintageläden und alten Bars, die mittlerweile längst neue Pächter haben. Gibt es noch den amerikanischen Traum? Ein Cadillac parkt zwischen fabrikneuen Wagen, die Stoßstange hat Flugrost angesetzt. Er weiß, dass es dort nicht besser werden würde und es auch – schon wieder – DAMALS nicht besser war. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Hoffnung lenkt von der Gegenwart ab.

C. Manello schlendert durch die Straßen, sein Schädel brummt. Er ist nach einem kurzen Schlaf aufgewacht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt ein Penner, der auf einer Blockflöte »Oh Tannenbaum« klimpert. Die schrägen Töne wehen durch die Straßen. Ein Junge läuft vorüber, hält vor dem Straßenmusiker und lässt einige Münzen in dessen Coffee-to-go-Becher gleiten. Manello muss grinsen, eigentlich ist der Mensch gar nicht so böse. Er greift in seine Hosentasche und umklammert 50 Cent. Dann steckt er sich eine Zigarette an, es ist die letzte in seiner Schachtel. Er zieht, leichtes Schmatzen der Zigarette.

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