vonChristian Ihle 06.06.2021

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. Have Love Will Travel von The Sonics

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Gibt es einen größeren Garage-Rock-Song?
Und dabei ist „Have Love Will Travel“ ja sogar nur ein Cover eines 1959er Songs von Richard Berry. Aber wie die Sonics mit den verzerrtesten Gitarren von 1965 dem Berry-Original jede Doo-Wop-igkeit austreiben und den Song in völliger Übersteuerung in die Welt brüllen, das hat soviel Energie wie 11 Jahre später Johnny Rotten bei „God Save The Queen.
Diese ersten sieben Sekunden, die böse groovende Gitarrenfigur und *dieser* Schrei. Besser kann ein Song nicht beginnen.

2. Subterranean Homesick Blues von Bob Dylan

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Da Bob Dylan 1965 zwei Alben veröffentlichte, weiche ich meine „1 Song pro Künster“-Regel zugunsten „einen Song pro Album“ auf – und selbst hier ist es schwer, sich für den besten Song von „Bringing It All Back Home“ zu entscheiden, sind doch mindestens „It’s Allright Ma, I’m Only Bleeding“ und „It’s All Over Now Baby Blue“ Top-Ten-tauglich für dieses Jahr. „Subterranean Homesick Blues“ erhält letztlich auch wegen seiner historischen Bedeutung den Zuschlag, ist er doch der entscheidende Wendepunkt zu „Dylan Goes Electric“. Nachdem alle seine vier vorherigen Alben nur mit akustischer Gitarre gespielt wurden, eröffnete „Subterranean Homesick Blues“ mit diesem zweineinhalbminütigen Garage-Rock-Song, der Lou Reeds Unterwelt-Texte um zwei Jahre vorwegnahm. Eine der besten Zeilen eines Songs und Albums überhaupt:

„Johnny’s in the basement /
Mixing up the medicine /
I’m on the pavement /
Thinking about the government“.

3. Leader Of The Pack von The Shangri-Las

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„It’s the same old story. Boy finds girl, boy loses girl, girl finds boy, boy forgets girl, boy remembers girl, girls dies in a tragic blimp accident over the Orange Bowl on New Year’s Day“, lautet das Frank Drebin Zitat aus dem Film „Nackte Kanone“ und praktisch die gleiche Geschichte erzählt auch „Leader Of The Pack“ von den Shangri-Las, nur dass der tragische Unfall selbstredend ein Motorunfall ist.

Die Shangri-La’s sind neben den Ronettes natürlich die größte Girlgroup aller Zeiten und „Leader Of The Pack“ erweitert noch einmal die Grenzen dieses Genres in einem für einen kurzen Popsong untypischen Aufbau, der filmische Soundeffekte, abrupte Tempowechsel – bis zum Stillstand – und eine ganze Lebens- und Liebesgeschichte in diese zwei Minuten 48 Sekunden packt.

(P.S.: Als Single kletterte „Leader Of The Pack“ bereits Ende 1964 bis auf Platz 1 der US-Charts, das gleichnamige Debütalbum der Girl-Group erschien aber erst 1965)

4. Sinnerman von Nina Simone

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„Inland Empire“. Nach drei Stunden von David Lynchs Weirdo-Opus (ja, selbst für David Lynch – Verhältnisse ist „Inland Empire“ eine eigene Liga der Weirdness) ist man erschöpft und erledigt, doch dann beginnt eine Kamerafahrt, wildes Tanzen und Nina Simones Zehn-Minuten-Version von „Sinnerman“. Eine der größten Schlußszenen der jüngeren Filmgeschichte.

5. Mr. Tambourine Man von The Byrds

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Die Geburt eines ganzen Genres: als The Byrds 1965 den gerade erschienen Bob-Dylan-Song coverten und Dylans knarzig-knödeligen Singer/Songwriter-Ansatz mit himmlischen Harmonien und der 12-Saiten-Rickenbacker-Gitarre verheirateten, trat Folk-Rock auf den Plan und ist dieser Sound bis heute eine der Grundfesten des Indiepops der Jingle-Jangle-Prägung.

Zu diesem Cover mussten The Byrds übrigens von ihrem Manager zunächst überredet werden, aber spätestens Dylans Begeisterung über die Byrds-Version – „Wow, you can dance to that!“ – machte dann auch McGuinn, Clark und Crosby klar, welches Werk sie hier geschaffen hatten.

6. Highway 61 Revisited von Bob Dylan

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‚Oh God said to Abraham, „Kill me a son“
Abe says, „Man, you must be puttin‘ me on“‚

…die Bibel nach Bob Dylan!
Mehr Garagerock als auf „Highway 61 Revisited“ war Dylan nie mehr und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Jack White gerade bei „Highway 61“ doch ganz genau hingehört hat.
Dylan veröffentlichte 1965 gleich zwei Alben, die zudem noch mit das beste sind, was er je geschrieben hat: im März „Bringing It All Back Home“ mit „Subterranean Homesick Blues“, „Mr. Tambourine Man“, „It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)“ und „It’s All Over Now, Baby Blue“ sowie nur fünf Monate später eben „Highway 61 Revisited“, auf dem neben dem Titeltrack „Like A Rolling Stone“, „Ballad Of A Thin Man“ und „Desolation Row“ zu finden sind.
Die eigentliche A-Seite der „Highway 61“-Single „Can you please crawl out of your window“ war zudem auf keinem Album enthalten (wie auch die andere 65er-Non-Album-Single „Positively 4th Street“). Als Dylan übrigens dem Folksänger Phil Ochs „…Window“ auf einer gemeinsamen Autofahrth vorspielte und Ochs nur mäßig begeistert war, warf Dylan ihn mit den Worten „You’re not a folk singer. You’re a journalist“ aus der Limousine.

7. These Boots Are Made For Walkin‘ von Nancy Sinatra

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Lee Hazelwood schrieb Nancy Sinatra ihren 'signature song' – kaum ein Lied repräsentiert für mich so sehr den Anfang der swinging sixties (auch wenn die ja per Definition mehr ein UK- als US-Phänomen waren), was mit Sicherheit auch an dem unglaublich stylishen Video liegt, das wie "The Thomas Crown Affair" als Songauftritt wirkt. "These Boots" hat eine dem Titel angemessene walking bass line, die den Song dominiert und neben den von Nancy wunderbar hochnäsig-empowered gesungenen Trennungs-Lyrics das Herz des Liedes ist.

Are you ready Boots? So start walking…

8. Poupée De Cire, Poupée De Son von France Gall

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Es gab sie also, die Zeiten, als im Eurovision Song Contest tatsächlich gute Lieder gespielt wurden (und nein, wer jetzt an ABBA denkt: dort hinten ist die Schämecke). 1965 gewinnt die damals 18jährige France Gall mit dem von Serge Gainsbourg geschriebenen Song „Poupée de cire, poupée de son“ den Wettbewerb. Gainsbourg hatte übrigens auch schon ihren 1964er Hit „Laisse tomber les filles“ komponiert, einan anderen Klassiker des, nennen wir es, Girlie-Chansons, die beide genau genommen eigentlich dem YéYé zuzuordnen sind.

Dass France Gall selbst später „Poupée de cire, poupée de son“ nicht mehr singen wollte und es gar als „dummes Lied“ bezeichnete, dürfte mehr an den von Gainsbourg eingeschmuggelten Untertönen im Text liegen als am Song selbst, der auch heute noch 12 points verdient.

„Poupée De Cire, Poupée De Son“ ist im Übrigen auch eine der wenigen Überschneidungen zwischen kommerziellem Hitparadenerfolg in Deutschland und meiner Bestenliste: France Gall war hiermit auch auf Platz 10 der bestverkauften Songs des Jahres.

9. Get Off Of My Cloud von The Rolling Stones

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„Get Off Of My Cloud“ wurde von Jagger & Richards als Nachfolgesingle ihres Mega-Hits „Satisfaction“ geschrieben und ist aus meiner Sicht der deutlich größere Song, was Keith Richards anders sieht: „I never dug it as a record. The chorus was a nice idea, but we rushed it as the follow-up. But how do you follow-up „Satisfaction“? Actually, what I wanted was to do it slow, like a Lee Dorsey thing. We rocked it up. I thought it was one of Andrew Loog Oldham’s worst productions“. Der Mainstream ist dagegen auf meiner Seite, die „Get Off Of My Cloud“ eine Nummer 1 Platzierung in USA, England und Deutschland bescherte. Für mich in einem starken Jahr der Rolling Stones – neben „Satisfaction“ erschienen unter anderem auch „As Tears Go By“sowie „The Last Time / Play With Fire“ ebenfalls 1965 – ihr bester Song.

10. My Generation von The Who

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Gerade im Vergleich zu den Beatles und den Stones klingt „My Generation“ von The Who doch deutlich kompromissloser, harscher und aggressiver – und nimmt so als eine der ersten britischen Bands die spätere Punkexplosion vorweg.
Insbesondere textlich ist „My Generation“ ein einziger Protestschrei gegen das Establishment:

People try to put us down
Just because we get around
Things they do look awful cold
hope I die before I get old
This is my generation
This is my generation, baby

Genauso gut, aber weniger ein Statement ist das ebenfalls in diesem Jahr erschienene „I Can’t Explain“, das stärker die mod‘-ishe Kinks-Seite von The Who betont.

11. My World Is Empty Without You von The Supremes

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Pete Doherty hatte Anfang der 2000er schalkhaft in Interviews erzählt, eigentlich hätte er ja „Dreaming Of You“ von The Coral geschrieben. Was natürlich (?) nicht stimmt – was aber richtig ist: „Dreaming Of You“ ist ein Fast-Cover des Supremes-Smashes „My World Is Empty Without You“, was 1965 genau den Sweet Spot zwischen treibender Motown-Soul-Produktion und dem Girl-Group-Wall-Of-Sound traf.

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Gut 25 Jahre später coverte übrigens Jim Jarmusch mit seiner kurzlebigen No-Wave-Band The Del-Byzantees „My World Is Empty Without You“ und machte daraus einen dystopisch-repetitiven Post-Punk-Song zwischen Joy Division und The Slits. Sehr gut. Sehen wir garantiert in der 1981er Bestenliste wieder, falls ich so lange lebe bis wir in dem Jahr endlich ankommen werden mit diesem Projekt!

12. Where Have All The Good Times Gone von The Kinks

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„Where Have All The Good Times Gone“ ist ursprünglich als B-Seite zu „Till The End Of The Day“ erschienen und textlich mit einem erstaunlichen Ansatz, singt hier doch ein 21jähriger Ray Davies über die unwiderbringlich verlorenen guten Zeiten. Pete Doherty hat sich hier sicherlich seine Notizen gemacht, wenn ich mir die Idee von dessen „The Good Old Times“ auf dem Libertines’schen Debütalbum ansehe!

Auch The Kinks hatten 1965 ein ganzes Füllhorn an brillanten Singles neben dieser EP: „Tired of Waiting for You“, „Ev’rybody’s Gonna Be Happy“,“Set Me Free“, „See My Friends“ sowie nicht zuletzt „A Well Respected Man“, mein anderer 65er-Favorit der Kinks.

13. Eve Of Destruction von Barry McGuire

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Im Original von P.F. Sloan geschrieben (den wir weiter unten in der Liste mit „The Sins of a Family“ noch einmal wiedersehen werden), aber natürlich in der Version von Barry McGuire zum Welthit geworden. Da die Plattenfirma zunächst Bedenken hatte, ob das Radio einen so „negativen“ Song über die Weltenzerstörung, für die Bürgerrechtsbewegeung, gegen die Regierung („Think of all the hate there is in Red China / Then take a look around to Selma, Alabama!“) sowie die allgegenwärtige Heuchelei der christlich geprägten USA („Hate your next-door-neighbour, but don’t forget to say grace“) spielen würde, wurde „Eve Of Destruction“ auf die B-Seite von „What’s Exactly The Matter With Me“ verbannt. Insbesondere durch ständiges Spielen auf Piratensendern verbreitete sich „Destruction“ dennoch und verkaufte sich sagenhafte sechs Millionen mal.

Für Freunde der härteren Kost empfehle ich Juliane Werdings deutsche Version, die es schafft, sämtliche politische Anspielungen ausgerechnet aus diesem Prototyp eines Protestsongs zu verbannen:

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Mit Vierzehn kam er irgendwo in die Lehre
Lernte Brötchen holen, die Werkstatt auskehren
And’re führten längst schon Mädchen spazieren
Auch er wollte einer mal imponieren
Sie hieß Su und hatte rote Haare
Er knackte Automaten, stahl heiße Ware
Doch der Richter gab ihm dafür zweieinhalb Jahre!
Du kannst kämpfen und schrei’n
Du fällst immer bergab
Wie ein rollender Stein
Denn ein morscher Baum
Trägt keine guten Früchte!

14. Help! von The Beatles

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Dieser Nummer-1-Hit auf beiden Seiten des Atlantik (nur #2 in Deutschland!) hat sich in meinem 1965er Ranking ganz knapp vor zwei anderen Klassikern durchgesetzt: John Lennons Bob-Dylan-Verneigung „You’ve Got To Hide Your Love Away“ und „In My Life“. Von den dreien ist sicher „Help!“ der größte Popsong, übrigens hauptsächlich von John Lennon geschrieben und – wie er in einem Playboy Interview von 1980 bekannte – tatsächlich als eine Art Hilferuf zum überbordenden Fames dieser Jahre gedacht.

Ein Jahr 1965:
* Die Plätze 30-45
* Die Plätze 15-29

Die besten Filme:
* Die besten Film #6-12
* Die besten Film #1-5/a>

Im Rahmen einer groß angelegten Retrospektive, die auf eine Idee meines Freundes Lassie zurückgeht und in einem der letzten Podcasts mit Horst Motor zur Umsetzung gebracht wurde, blicken wir gemeinsam auf ein Jahr zurück und nominieren die besten Songs, Alben und Filme. Wer die Rankings der beiden ebenfalls lesen will und zudem die schöner aufbereiteten Listings finden will, kann sich hier auf motorhorst.de direkt vergnügen.

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