vonfrida 29.04.2026

Frida, ich und du

Intimer Umgang mit Schmerz und Leid des Menschen in ihrer jeweiligen Rolle: Sozialisation, mothering, Feminist

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Liebst Fin,

und schon ist Frühling, bald Sommer, die Zeit rast und dein letzter Brief ist schon eine kleine Weile her, denn ja – eingehend auf deine Ausführungen über die Flut an Bildern und dadurch der Erzeugung anderer Realitäten durch das „Knippsen“ und des Wegsehens, was vielleicht eine tatsächliche Realitäten angeht – rauscht die Zeit an mir vorbei, aber ich möchte eine Realität, die gerade passiert, unbedingt festhalten in unserer schon 15 Briefe umfassenden Reihe:

Menschen werden mit ihren psychischen Problemen, ihrem Umgang mit ihrem überfordernden Alltag noch mehr alleingelassen und gleichzeitig findet eine gefährliche digitale Datensammlung und damit eine simple Kategorisierung statt, was Gesund und Krank angeht.

Scheinbar nebenbei, unbemerkt von einer medialen Öffentlichkeit werden Gesetzesänderungen (März/April diesen Jahres) durchgeführt, die schon diesen Sommer dazu führen, dass es kaum noch ambulante Therapiemöglichkeiten mehr geben wird. Wenn es in den Medien eine öffentliche Aufmerksamkeit dafür gibt, wird sie direkt überlagert von einem als unrechtmäßig empfundenen Gehaltsanspruch von Therapeut*innen (nur 4,5%). Das ist eine Argumentation, die so dermaßen abwertend moralisierend ist, dass sich mir die Nackenhaare vor Grusel aufstellen, denn damit wird ein riesiges Problem für viele Menschen verschleiert, das sich mit einer weiteren, schon laufenden Gesetzesänderung ausweitet.

Und ich spreche hier gar nicht von einer Verschwörungstheorie oder einer hinterhältig geplanten Ungerechtigkeit, sondern – wie an so vielen Stellen – einem weiteren schleichenden demokratischen Prozess, der aber mit solchen, jetzt gerade stattfindenden Gesetzesänderungen eine bedrohliche Realität bekommt – für Menschen ohne deutschen Pass schon seit einer Weile (siehe dazu deinen 4.Brief: Lahmgelegt).

Da braucht es gar nicht mehr auf einen faschistischen Staat zu warten.

Denn zusammen mit dem Gesetz zur Beschleunigung der Digitalisierung des Gesundheitswesens (Digital-Gesetz – DigiG) werden nicht nur ambulante Therapiestunden gesetzlich Versicherten verunmöglicht, sondern alle bisherigen und zukünftigen Diagnosen sollen für eine verbesserte Übersichtlichkeit nun auch zentral erfasst und ausgewertet werden. Der Gläserne Kunde ist also keine Metapher mehr für die wirtschaftliche Werbung, sondern der Gläserne Patient wird geboren – wofür genau? – für eine bessere Gesundheitsversorgung, natürlich.

In der Praxis aber wird das bedeuten, dass die von Bilderwelten, unter 30 Sekunden-Videos oder TLDR (too long, didn´t read), Geldeinsparungsnotwendigkeiten, Kinderbetreuungsunterversorgungen und Sozialeinrichtungsfallengelassenen überforderten Menschen (egal ob jung oder alt) sich nun nicht mal mehr einen Therapieplatz suchen und ihre Probleme dort ausbreiten und vielleicht für ihren Alltag verarbeiten können werden, sondern dass sie mit ihren schon vorhandenen oder zukünftigen Diagnosen wie AD(H)S, PTBS, Burnout, Depression, Borderline, Angsstörungen usw nicht mehr bestimmen können, geschweige denn wissen können, wer zukünftig alles Zugang zu diesen Informationen über ihren Gesundheitszustand haben wird – sie müssen sich noch mehr Sorgen machen und sind noch mehr allein damit.

Denn im Endeffekt muss man sich dann direkt in eine Klinik begeben, um noch therapeutische Unterstützung bezahlt zu bekommen, und diese Hürde ist eine riesige und eine nicht ungefährliche, wenn man das Digitale-Gesetz-DigiG dazu bedenkt.

Habe ich bisher der überforderten GenZ oder den mothernden GenX dieser Generation vielleicht noch empfohlen, sich für einen Therapieplatz / für einen Kuraufenthalt eine Diagnose über sich anfertigen zu lassen oder sich überhaupt um einen Therapieplatz zu kümmern/ eine Institution einzubeziehen, kann ich das nun nur noch als äußerst unsicher und zum Teil gefährlich einstufen und empfehle eher wieder zur Küchentischpsychologie und der Flucht in die Natur zurückzukehren. Denn ich habe mich viel mit den Kategorien der psychischen Krankheit/ der als psychisch krank defamierten Menschen im letzten staatlichen Faschismus in Deutschland beschäftigt. Und das ist wirklich zum Gruseln! Da brauche ich keine medial inszenierten Horrorfilme, um mich schlaflos hin und her zu wälzen.

Für mein eigenes Kind nehme ich möglichst nur noch sowas ganz Übliches wie Ergotherapie oder Logotherapie inkauf, weil ich nicht weiß, was welche Therapiewege für es in seiner Zukunft bedeuten mögen, wenn alles zentral erfasst ist und ich überhaupt nicht weiß, welcher Konzern oder Staat Zugriff darauf haben und wie das dann ausgewertet werden wird: ob es zB als krank und somit gefährdet weggeschlossen oder als gesund und für einen bestimmten Frontdienst tauglich gemustert werden wird.

Letztes Wochenende, am Samtsag bei dem tazlab 2026, einem ja schon großen Medienereignis in Berlin, habe ich nur einen Beitrag, eine einzige Podiumsdiskussion zum Thema Psychotherapie entdecken können und zwar auf der Pinken Bühne 1 „Wie geht es dir? – Gespräch über psychische Gesundheit„. Und diese Bühne richtete sich vornehmlich an jüngere Generationen. Ich könnte also daraus schlussfolgern, dass die herrschende GenX oder die Boomer das Thema Psychotherapie mal wieder lieber nicht an sich ranlässt, es den Jüngeren zuschiebt und es sogar noch zu einer Gefahr/ einem gefährlichen Instrument für deren Zukunft macht, anstatt sich selbst mit ihren Dämonen aus ihrer generativen Vergangenheit auseinanderzusetzen und damit (mal wieder) den Weg in einen äußerst effizienten Faschismus ebnet.

Tja, Fin, wir werfen uns hier viele verschiedene Bälle zu, dein letzter kam noch ein bisschen bunt daher, meiner wirkt gerade eher bleiern grau und so empfinde ich diesen Gläsernen Patienten auch – wie eine Horror-Re-Inszenierung aus einer dieser filmischen Zukunftsdystopien meiner Jugend, zu denen auch die Grauen Herren aus Momo für mich gehörten, als das alles noch ganz, ganz weit weg schien und es weder allumfassendes Internet und Überwachungskameras, noch SocialMediaZombies und Psycho-Tipps von ChatGpt bei einer gleichzeitigen und mir rasant erscheinenden Fortschreitung an Gesetzesänderungen gab.

In diesem Sinne wünsche ich dir einen schönen freien Arbeitsniederlegungstag – oder ist das inzwischen eigentlich ein Feiertag und damit mal wieder ein Beispiel für wegsehenden Hedonismus, anstatt einer Möglichkeiten ergreifenden Selbstermächtigung geworden?!

Herzlichst

Nena

 

1. Brief: Wahlplakate 2025

2. Brief: Im Namen der Sicherheit

3. Brief: An Regeln halten

4. Brief: Lahmgelegt

5. Brief: Suizide auf den Gleisen – Morde an den Grenzen

6. Brief: Neu definiert: besser „gesund“ als bedürftig, lieber tot als krank

7. Brief: Muttertag 2025

8. Brief: Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut

9. Brief: Ich möchte lieber nicht

10. Brief: Raubbau am Sozialsystem

11. Brief: To All The Boys I´ve Loved Before

12. Brief: Sind wir zu schnell für uns selbst? Sind wir zu langsam für diese Veränderungen?

13. Brief: Der Druck steigt

14. Brief: Was ist heute schon normal?

15. Brief: Willkommen im bunten Faschismus

 

 

 

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