Liebst Fin,
die Ereignisse überschlagen sich, weshalb ich dir direkt noch einen Brief hinterherschreibe.
Anfang des Jahres habe ich schon gedacht: Hoffentlich wird das noch ein schöner Sommer, denn danach wird´s düster und spätestens im Herbst wird es deutlich sichtbar.
Und sichtbar ist es dieses Wochenende schon geworden: wie sich der Faschismus durch die Demokratie durchschlägt und wer am Ende daran Schuld haben wird.
Die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt hat wohl jede* mitbekommen. Was aber nicht jede* mitbekommen hat, ist das, was parallel zu den Ergebnissen in einer Stadt in „Westdeutschland“ passiert ist.
Im Westen nichts Neues
In Aachen gingen am Sonntagabend ein paar junge, von den Wahlergebnissen in Sachsen-Anhalt frustrierte Antifaschist*innen auf die Straße (anstatt sich mit social media oder einem anderen Bildschirm zu betäuben). Da diese Demonstration nicht angemeldet war und sie sich auch nicht schnell oder deutlich genug auf entsprechende Paragrafen für eine spontane Versammlung beriefen, wurden sie alsbald von einer Übermacht der Polizei durch die Straßen gejagt.
Unklugerweise zog es sie zu einem kulturellen Veranstaltungsort, dem AZ Aachen, das schon lange als linkes Zentrum für Konzerte, Kultur und Jugend bei der Obrigkeit bekannt ist. Durch die kürzlich veränderten Polizei- und Versammlungsgesetze im Namen der Sicherheit in NRW hatten die Ordnungshüter nun die Gelegenheit, diesen Ort endlich mit rechtmäßiger Gewalt zu betreten und sich umzuschauen. Was sie dabei außer Acht ließen, waren Zeugen, die bei solchen Durchsuchungen eigentlich anwesend sein müssten, auch gibt es keine Übersicht der beschlagnahmten Objekte.
Was die Kriminalpolizeibeamten dort also taten, wie sie diesen Ort hinterließen und was sie letztendlich beschlagnahmten und dass sie noch ein zweites Mal am nächsten Tag dort einmarschierten, interessiert in der Öffentlichkeit niemanden mehr, auch nicht dass die kurzzeitig festgenommenen, jungen Menschen eine Menge juristischer Verfahren in den nächsten Jahren erwarten können.
Welcher junge Mensch wird sich dann noch antifaschistisch engagieren wollen? Aber das sollen sie ja auch gar nicht. Schließlich haben die Alten alles fest im Griff.
So bringt der Wessi „seine Kinder“ auf Spur.
Mecklenburg-Vorpommern soll´s rausreißen
Was sich parallel dazu anbahnt, ist ein Meinungsbild über die Wähler*innen der ehemaligen Ostdeutschen Bundesländern. Medial aufgezogen nehme ich wahr, dass jetzt nach Mecklenburg-Vorpommern schauen und hoffe, „dass die´s wenigstens besser machen werden.“ Und was, wenn nicht?
Dann hat sich schon mal die Meinung verfestigt, dass die da alle rechts wählen und es kann sich erstmal wieder moralisch beruhigt in den bürgerlich-konservativen Ohrensessel zurückgelehnt werden, denn bei uns hier würde sowas ja nicht passieren, schließlich sind wir die guten Demokraten.
Dass diese Demokratie durch viele, viele Gesetzesänderungen, wie du ja letztes Jahr mir schon in einem Brief geschrieben hattest, immer weiter ausgehöhlt wird und wir alle von Gleichschaltung, Repression, Propaganda und dem Führerprinzip nicht mehr weit entfernt sind, kann dadurch noch ein bisschen länger ignoriert werden. Hinterher können sich dann alle wieder wundern und leugnen: Wir haben ja nicht gewusst!
Das hier und das da: Die Vereinigung der inneren Spaltung
Ich war neulich das erste Mal in Speyer. Als ich vom Bahnhof loslief und durch einen kleinen Park kam, stand ich plötzlich vor dem Grabstein von Helmut Kohl. Ich war richtig erschüttert. Wie lange hatte ich den nicht mehr gesehen, diesen alten weißen CDU-Kanzler; und der Grabstein war auch noch sehr breit und weiß, eine sehr massige, vierkantige Säule, die da im grünen Idyll stand.
Während meiner Kindheit und Jugend war immer Helmut Kohl der Kanzler gewesen. Die Wende hatte ich als Kind am Rande mitbekommen. Aber ich weiß auch noch sehr genau, wie schon damals, als ich noch Jugendliche war, die Argumentation seines Images „Kanzler der Vereinigung“ dahin kippte, dass er das für seinen persönlichen Ruhm zu schnell, zu mediengeil inszeniert hätte.
Das Image eines weißen, alten, toten Mannes ist mir ja letztendlich egal, wie du weißt, aber was damit einhergegangen ist und seitdem weiter passiert, das sehe ich jetzt noch einmal mit einem geschärfteren Blick. Hilfreich dafür waren sicherlich die vielen Bücher, die Juli Zeh über den Alltagsmenschen in Brandenburg geschrieben hat. Denn das sind Einblicke in Strukturen und Langzeiterlebnisse, die mir sonst fehlen würden.
Dann hätte ich nicht eine Ahnung, wie es sich anfühlen muss, wenn mensch von der Infrastruktur abgehangen ist, für die Gnade des Solidarpakts aber immer dankbar sein soll und damit eine Familie, ihre Kinder großziehen will; wenn mensch miterlebt hat, wie die zu schnell institutionalisierte Treuhand mit der zugeworfenen Macht umgegangen ist und wie das westliche Kapital sich blitzschnell und schillernd durch demokratische Legitimierungen ausgebreitet hat und wer dann wie zurückgeblieben ist; wortwörtlich und im übertragenen Sinne.
Und ich habe in den letzten Jahren immer wieder gehört, wie anders sich antifaschistische – oder auch nur nicht-faschistische – Jugendliche auf den Straßen der ehemaligen Ostdeutschen Gebiete, an ihren Lebensorten bewegen, dass sie mit faschistischer Gewalt und körperlichen Übergriff rechnen müssen.
Und während ich diesen Sommer öfter mal mit dem Auto durch Brandenburg gefahren bin und die wechselnden Wahlplakate je nach Ortschaft wahrgenommen habe – was hängt und was fehlt – habe ich mich gefragt, wie sehr es doch dabei vom Zufall abhängt, ob du in dem einen oder dem anderen Ort geboren wirst und wer dann deine Freunde und wer deine Feinde sind.
Wer wird am Ende Schuld daran sein, dass sich die Geschichte wiederholt?
Werden es die Ossis und deren jetzt stattfindende AfD-Wahlen sein, denn die Wessis waren ja schon immer die eigentlich „besseren“ Demokraten?
Oder einigen sich die hier und die da – das Deutsche Volk – darauf, dass die zu vielen Flüchtlinge letztendlich Schuld an allem haben; diejenigen, die für den Billigarbeitslohnsektor der Wessis immer wieder reingeschwappt wurden über die sonst doch so fest militärisch kontrollierten Grenzen und sorgfältig aussiebenden Auffanglager?
Oder werden es mal wieder die Konservativen sein, die mittels angepasster demokratischer Gesetze und Strukturen demjenigen an die Spitze der Macht verhelfen, der ihnen eine lange Sicherung ihres Privatvermögens, ihres generativ vererbten Kapitals zusichert, obwohl und gerade weil die globalen Krisen sich häufen?
Dieser Atem ist auf jeden Fall lang und die Grauen Herren haben ein großes Depot an Stundenblumen aufgebaut, das sie mit einer gut organisierten und durch jahrelange Vorarbeit juristisch schon gut versierten Ordnungsmacht schützen lassen können, denn Ruhm und Privilegien sind am Ende das, was zählt, wie die dicke, weiße Säule in Speyer mir gezeigt hat.
Wie es in Aachen weitergeht und welche Konsequenzen das für die anderen selbstorganisierten Räume und Jugendzentren hat, lässt mich gruseln. Denn es werden ja schon durch die diesjährig vermehrten Einsparungen am Sozialsystem jede Menge Orte für junge Menschen geschlossen. Wenn sie keine Räume mehr haben, müssen sie dann wieder zur HJ und dem BDM?!
Es ist wirklich ganz grauslich, das alles wahrzunehmen, aber dafür bin ich eine lebende Zeugin, denn nie wieder ist genau jetzt!
Deine Nena
2. Brief: Im Namen der Sicherheit
5. Brief: Suizide auf den Gleisen – Morde an den Grenzen
6. Brief: Neu definiert: besser „gesund“ als bedürftig, lieber tot als krank
9. Brief: Ich möchte lieber nicht
10. Brief: Raubbau am Sozialsystem
11. Brief: To All The Boys I´ve Loved Before
12. Brief: Sind wir zu schnell für uns selbst? Sind wir zu langsam für diese Veränderungen?
14. Brief: Was ist heute schon normal?
15. Brief: Willkommen im bunten Faschismus