Liebst Fin,
mir bleibt in letzter Zeit öfter mal das Essen im Halse stecken, bei dem was an Normalität um mich herum passiert.
Neulich am Esstisch mit meiner kleinen Wohnfamilie kam das Gespräch auf die Mehrzweckeier.
Und nein, es handelt sich dabei nicht um eine neue foodsharingcampagne, sondern ein politisch höchst interessantes und öffentlichkeitsrelevantes Thema für jedes Alter, denn es umfasst – historisch betrachtet mal wieder – den Konflikt: Alte Macht und Junges Leben.
Was sind denn eigentlich Mehrzweckeier?
Es geht um das Wort Mehrzweckeier, das zum Jugendwort des Jahres 2026 hätte gewählt werden können und sehr wahrscheinlich auch gewählt werden würde, wenn nicht eine Obrigkeit, in diesem Falle der Langenscheidt-Verlag, diese Nominierung aus der Auswahl gestrichen hätte. Begründung: wegen eines Regelverstoßes, der sich darauf stützt, dass es sich um eine politische Kampagne und eine Beleidigung handele.
Ich wusste zuerst gar nichts mit diesem Wort anzufangen, geschweige denn, dass ich die Geschichte dahinter gekannt hätte. Das passiert wohl, wenn das eigene Kind noch nicht alt genug für social media ist und ich selbst mich in zu alten Bubbles bewege, die social media entweder aus ihren Freizeitbeschäftigungen gestrichen haben oder sich für die jungen Menschen und ihre politischen Belange nicht interessieren, solange sie keine Kinder in dem jeweiligen Alter haben.
Ein fataler Fehler, wie schon die seit wenigen Jahren erst weiter verbreitete Geschichte der Edelweißpiraten während der NS-Zeit aus Köln gezeigt hat.
Denn die Geschichte hier hinter ist folgende:
Ein junger, noch minderjähriger Mensch hatte Anfang des Jahres bei einer Demonstration gegen seinen Dienst an der Waffe – die Wiederaufnahme der Wehrpflicht – sein Plakat so ungünstig in die Kameras gehalten, dass dies der Polizei aufgefallen war. Durch das Möglichmachen der jüngst veränderten Polizeigesetze zu Versammlungsgesetzen u.a. – dabei denke ich an deine früheren Briefen: Im Namen der Sicherheit und Lahmgelegt – konnte die Polizei das Plakat kurzerhand beschlagnahmen und direkt die Ermittlungen wegen Verleumdung einer Person des politischen Lebens gegen den jungen Menschen einleiten. Um weiteren rechtlichen Ärger zu umgehen oder um sich jetzt erst recht darüber zu belustigen wurde der Wortlaut des Plakates danach im Netz kreativ umgedichtet zu den so genannten: Mehrzweckeiern.
Dieses Beispiel ist in vielerlei Hinsicht interessant, denn es rüttelt sehr schnell Meinungen, Wertungen und auch Gefühle auf und zeigt gleichzeitig, wie die Machtstrukturen inzwischen schon etabliert sind.
Denn wogegen der junge Mensch seinen – sprachlich überhaupt nicht bürgerlich korrekten – Protest ausdrückte und weshalb dies im Netz dann weiter aufgegriffen wurde, ist ein Protest gegen eine Zukunft, in der er und seine Generation ihre Leben für eine Politik dieses Landes einsetzen sollen werden, von der sie sich jetzt schon verraten und alleingelassen fühlen (eine empirische Analyse zur Gen Z habe ich aus der mothering Perspektive an Menschen im Mothering vor zwei Jahren schon geschrieben: Mothering von Gen Z – Hängend auf Mamas Sofa).
Was hat die Bundeswehr damit zu tun?
Als ich vor Kurzem beim Bäcker eine Brötchentüte in die Hand gedrückt bekam, hätte ich diese vor Schreck fast auf den Boden fallen lassen. Dadrauf gedruckt war nämlich eine Werbung von der Deutschen Bundeswehr.
Im Fitnessstudio, an Bus- und Bahnhaltestellen und auf großen Wandplakatierungen waren mir die verschiedenen, emotional sehr wirkungsvoll platzierten Sprüche und Bilder der Bundeswehr natürlich schon aufgefallen, aber es war noch mal eine ganz andere Konfrontation, diese mit in die heimelige Gemütlichkeit an meinen Frühstückstisch nehmen zu sollen. Kurz darauf hatte der Bäcker wieder seine alten Brötchentüten. Offensichtlich war der Schreck mehr Menschen im Hals stecken geblieben.
Ich habe dann weiter geforscht und gefragt, wer von den Mehrzweckeiern was mitbekommen hat und wie die Meinungen und Perspektiven auf die Frage nach der sprachlich bürgerlich korrekt ausgedrückten und demokratisch vorgebrachten Kritik über die Wehrpflicht an eine Regierung aussehen dürften.
Und die Meinungen gehen wirklich weit auseinander:
Wir haben auf der einen Seite das Lager derjenigen Menschen, die weiter an eine sich-schon-wieder-zurecht-ruckelnde Gesellschaft und eine an-und-für-sich-doch funktionierende Demokratie in Deutschland glauben.
Und wir haben auf der anderen Seite die Lager derjenigen, die innerhalb der jetzigen demokratischen Gesellschaft schon die Auswirkungen des Rechtsrucks – durch staatliche Strukturen überall und in ländlichen (den „abgehangenen“) Gebieten körperlich auf den Straßen – zu spüren bekommen: Jugend, diy, queer, FLINTA*, LGBTQIA+, staatlich geförderte Jugendeinrichtungen usw. Dort finden sich deshalb z.B. ganz offen getragene T-Shirts, die den Spruch „Merz leck Eier“ aufgegriffen und mit ihren eigenen Protesten versehen und weiterentwickelt haben.
Vater Staat etabliert seine Macht über die Zukunft seiner Kinder
In unseren Briefen – Zeugnisse aus dem Präfaschismus siehe unten – haben wir ja schon häufig darüber geschrieben und diskutiert, wo Wahrnehmung, Bewertung und Ernstnehmen eigentlich aufhören und wo das Leugnen beginnt.
Der öffentliche Umgang mit diesem Beispiel zeigt wieder deutlich, wie Machtstrukturen sich immer weiter auch im Privaten etablieren und an Altem festhalten, und dafür sogar ihre Kinder verraten werden, anstatt zu retten, was vielleicht noch zu retten ist. Und dieses Alte möchte ich an dieser Stelle ganz klar als Patriarchat benennen, denn es ist die Herrschaft der Väter, die schon immer – seit der Geschichtsschreibung – ihre Kinder für ihren Machterhalt in den Krieg geschickt hat und sterben lässt.
Insofern ist der Spruch auf dem Plakat – obwohl abschmetterbar als Ausdruck einer Jugendsprache, die sich gerne pervertierenden Bildern annimmt – erstaunlich passend, zumal er direkt auf den medizinisch legitimierten „Eierkontrollgriff“ zur Musterung bei der Bundeswehr anspielt, und ich mag das mal in einer kurzen Geschichte noch deutlicher ausdrücken:
Vater Staat: Mein Junges, du sollst meinen Besitz, unser Land verteidigen und den Dienst an der Waffe lernen, damit du in den nächsten Jahren die Menschen erschießen, zurückdrängen und töten kannst, die zur Mehrung meines Wohlstandes und meiner Altersvorsorge schon seit langem ausgepresst werden und deren Leben sowieso nur den Wert ihrer Arbeitskraft für unseren Luxus hatte, von dem du übrigens auch schon profitiert hast durch dein Leben als Kind dieses Landes. Also stell dich mal nicht so an und tu deine Pflicht, um die Moral dahinter kümmere ich mich.
Jugendliches Individuum: Ohne mich, Papa, leck deine Eier!
Vater Staat: So eine Unverschämtheit! Auf dieser Ebene diskutiere ich nicht mit dir (denn ich diskutiere immer nur zu meinen Bedingungen). Geh in dein Zimmer und schäm dich! Und du wirst gehorchen, denn die ausführende Gewalt befehlige ich.
Jugendliches Individuum: Aber Papa, meine Gefühle, mein Leben…
Vater Staat: Ist genau so viel wert, wie ich bestimme. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben, hehe.
Wir fallen schon lange, aber bis hierher lief es doch noch gut
Genau das oben Erzählte (und ich erinnere mich auch noch an deinen 8. Brief: Bis Hierher lief´s noch ganz gut) ist das Szenario, was wir überall um uns herum wahrnehmen könnten. Es zeigt sich in den Protestbewegungen der Extinction Rebellion, der Letzten Generation, Fridays for Future und bei den inzwischen auch in ländlichen Gebieten jährlich stattfindenden CSDs und Prides, auf Mahnwachen und Kundgebungen vieler verzweifelter und ihrer Zukunft schon lange deprimiert überdrüssiger jüngerer Generationen.
Ich persönlich glaube nicht, dass diese Proteste tatsächlich etwas ändern oder aufhalten werden, die Marschrichtung der Braunen und das erneute Erstarken einer deutschen Militärpräsenz aufhalten wird, denn die alten Strukturen werden jetzt schon wieder im demokratischen Fahrwasser eingeführt: Die Gelder fließen schon ab von sozialen Jugendeinrichtungen und hin in Rüstungsindustrie und Werbekampagnen und gewaltausführende Legitimierungen, die ganz klar auf Krieg ausgerichtet sind – auf den Krieg gegen Menschen an den Landesgrenzen, aber auch auf den Krieg im Landesinneren gegen die Menschen, welche diese Gewalt ihrer Großeltern eigentlich nicht wiederholen wollten.
Und im Krieg bestimmen diejenigen – die Menschen unter Waffen befehligen -, wer leben und wer sterben wird, wessen Stimme gehört wird und welche verstummen und wer am Ende die Geschichte schreiben wird.
Über die „alten“ Strukturen von Angst und Scham in der deutschen Erziehung
Du und ich betrachten ja schon seit einer Weile die Strukturen von Macht und immer wieder haben wir überlegt, was eigentlich schlimmer ist: der Kapitalismus oder das Patriarchat, der Rassismus, der Sexismus, die Misogynie, der Faschismus oder der Klassizismus ?! Alles davon ist schlimm! Und besonders schlimm ist es, wenn es ineinander greift und die eine Macht die andere bedingt.
Was wir gerade erleben ist ein Kapitalismus, der sich selbst pervertiert in seinem immer währenden Wachstum und ein Patriarchat, das in seiner Macht erstarkt, wenn die Kapital bedingten Krisen sich häufen und alles wieder zurückgeworfen wird – Backlash – auf den Machterhalt an und für sich und darin auf einen individuellen Kampf ums Überleben, über denjenigen Menschen, der noch ein Weilchen länger den Kopf über Wasser halten kann.
Muad`Dib sprach an einer Tafel auf Arrakis über folgendes Gleichnis (frei nacherzählt):
Nach einem Schiffsunglück fanden die Fischer in den folgenden Tagen immer wieder Leichen, die ans Ufer gespült wurden. Als sie die Leichen untersuchten, wunderten sie sich über die Fußabdrücke, die einige von ihnen auf den Schultern hatten.
Später erst kam heraus, dass diese Fußabdrücke von denjenigen stammen mussten, die auf den Schultern ihrer Kammeraden gestanden hatten, um noch ein Weilchen länger den Kopf über Wasser halten zu können.
Der Vergleich mit diesem Science Fiktion Universum mag auf den ersten Blick weit hergeholt wirken, aber betrachte ich die Menschen um mich herum, die sich in social media und Diagnosen selbst verlieren und eigentlich schon jetzt keinen Ausweg mehr sehen und auch keinen mehr finden wollen, da der größte Luxus ihres Lebens sein Smartfone, ihr Elektroauto, sein Studienabschluss oder ihre eigene Wohnung ist und sie nicht begreifen können, dass dieser Luxus vergänglich ist und verpuffen wird und dass unser Luxus in dieser, unserer Lebenszeitrealität die Entscheidung ist, immer und immer wieder.
Ich habe mich letzthin mal wieder mit der militärischen Vergangenheit meiner Herkunftsfamilie beschäftigt und über meine Großeltern und ihre Kriegserlebnisse, ihr Schweigen und ihre Verbrechen und auch über meine Eltern als Nachkriegskinder nachgedacht und dabei wieder einmal voller Hass empfunden, wie die Entscheidungen meiner Großväter bis heute in mir und meinem Nachwuchs nachwirken, und kann immer wieder darüber verzweifeln, wie schnell – schon in nur einer Generation – Menschen eine neue Normalität an Gewalt erschaffen und diese in der Erziehung weitergeben.
Und ich packe mir auch an die eigene Nase, denn ich bin weder Richterin, noch Bewahrer, noch bin ich Jugendlich, aber ich kenne kaum einen Menschen meiner Generation, die momentan nicht in der trügerischen Hoffnung ihrer eigenen Lebenszeit erstarrt ist.
Denn Angst und Scham sind noch immer vorherrschend aus unserer Erziehung im Patriarchat und das nehme ich auch in den sonst so alternativen Bubbles wahr, wo der Gehorsam an und für sich vielleicht verachtet wird, sich die Mechanismen aber völlig unkritisch durchsetzen und z.B. die Scham als Mittel weiterhin zur Durchsetzung von Interessen benutzt wird.
Womit ich zum Ende meines Briefes und meines Zeugnisses komme, denn hier schließt sich der Kreis meiner Nachforschungen über das Jugendwort 2026: denn bei diesem Thema, bei welchem es eigentlich um das Aufbegehren einer Jugend gegen eine von Alters her bestimmende Pflicht des Gehorsams in Kriegszeiten geht, wird wieder mit der Beschämung re(a)giert.
Und deshalb rufe ich meiner Generation und auch der anderen elterlichen ins Gedächtnis, dass es im Präfaschismus auch für uns keinen Sinn macht, einfach so weiterzumachen, und insbesondere für Menschen mit Gebärmutterfunktion – dazu möchte ich gerne zum Weiterlesen anbieten, den von mir schon 2023 verfassten Blogartikel: Mothering in Kri(eg)sen.
Ich hoffe, dir geht es okay und du kommst zurecht im derzeitigen Feuer der Krisen und Entscheidungsfindungen.
Mit Grüßen von Herzen
Nena
2. Brief: Im Namen der Sicherheit
5. Brief: Suizide auf den Gleisen – Morde an den Grenzen
6. Brief: Neu definiert: besser „gesund“ als bedürftig, lieber tot als krank
9. Brief: Ich möchte lieber nicht
10. Brief: Raubbau am Sozialsystem
11. Brief: To All The Boys I´ve Loved Before
12. Brief: Sind wir zu schnell für uns selbst? Sind wir zu langsam für diese Veränderungen?
14. Brief: Was ist heute schon normal?