vonChristian Ihle 31.12.2018

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. Danny Nedelko – IDLES

Es kann 2018 nur einen Song des Jahres geben.
Aus dem hervorragenden Album „Joy As An Act Of Resistance“ der IDLES sticht „Danny Nedelko“ noch einmal hervor. „Danny Nedelko“ ist das trojanische Punkpferd, das mit seiner unzerstörbaren Melodie und unwiderstehlichen Energie die Texte auch in die Köpfe derer bringt, die zu IDLES-Songs wie „Mother“ noch keinen Zugang gefunden hatten.
Wie ich diesen Song und diese Zeilen liebe!

My blood brother is an immigrant
A beautiful immigrant
My blood brother’s Freddie Mercury
A Nigerian mother of three

He’s made of bones, he’s made of blood
He’s made of flesh, he’s made of love
He’s made of you, he’s made of me
Unity

Fear leads to panic, panic leads to pain
Pain leads to anger, anger leads to hate
Yeah, yeah, yeah, yeah, ah, ah, ah, ah
Yeah, yeah, yeah, yeah, ah, ah, ah, ah
Danny Nedelko

IDLES gelingt damit übrigens als erster Band die „Titelverteidigung“ (letztes Jahr war „Mother“ Song des Jahres).

2. Üben Üben Üben – Pauls Jets

Die jüngste Band in dieser Liste mit ihrem allerersten Lied. Hinter Pauls Jets verbirgt sich der erst 20jährige Paul Buschnegg, der in dieser ersten Veröffentlichung die Sprachmelodie des jungen Andreas Spechtl (circa „Wien du bist ein Taschenmesser“) mit dem Pop der Isolation-Berlin’schen-Mädels-Songs wie „Marie“ oder „Annabelle“ verbindet. Demnach vielleicht auch kein Wunder, dass ich mich Hals über Kopf verliebe. Das Debütalbum erscheint im Frühjahr 2019 und meldet bereits zarte Ansprüche auf die nächstjährige Alben-Bestenliste an!

„Und an der Ecke Valerie /
sie schlägt die Augen auf /
auch sie will ewig sein!“

3. Suck The Blood From My Wounds – Ezra Furman

Gemeinsam mit der ersten Single „Driving Down To L.A.“ ist „Suck The Blood From My Wounds“ der zentrale Song in Ezra Furmans Außenseiter-Konzept-Album „Transangelic Exodus“. Für Songs wie „Suck“ hat Furman den Namen seiner Band von „The Boyfriends“ in „Ezra Furman & The Visions“ geändert, deutet sich hier doch eine andere, elektronischere Richtung an, die die Lou-Reed/David-Bowie-Punk-Idee hinter sich lässt. Wenn dabei Songs so gut wie „Suck The Blood From My Wounds“ entstehen, soll mir das recht sein.

4. Frei – Die Nerven

Diese Drums von Kevin Kuhn! Dieser Urschrei von Max Rieger! Diese wuchtige Produktion von Ralv Milberg! Kompromisslose zwei Minuten 38 Sekunden, wie es keine zweiten in diesem Jahr gab.

5. Pick Up The Phone – The Big Howard

Aus einem wirklich hervorragenden Album, das komplett unter dem Radar geblieben ist und das mich aufs Angenehmste an Foxygens „We Are the 21st Century Ambassadors of Peace & Magic“ erinnert, ist „Pick Up The Phone“ der Höhepunkt. Ein schrammeliges Indiestück, das so voll von Melodie ist wie es die frühen Shout Out Louds in ihrer Garagen-Phase bei circa „Please Please Please“ oder „The Comeback“ waren!

6. Limiter – Gewalt

Gewalt verweigern sich immer noch dem Album-Prinzip, aber veröffentlichen Single um Single, jede davon erwähnenswert. Neben dem kathartischen „Wir Sind Frei“ ist es die von Klez.Es Tobias Siebert produzierte Single „Limiter“ die den Höhepunkt des Gewalt-Jahres darstellt.
„Limiter“ ist hymnischer, dringender als Gewalt es jemals war.
„Limiter“ kann man als aggressives Lob auf einen Naturzustand lesen, als ein wütendes Nein zu allen Konventionen, die den Menschen einhegen, einpegeln, einschneiden. So ist „Limiter“ also gerade auch eine Antwort auf den in der Parallelsingle „Wir sind sicher“ besungenen, verunsicherten und deshalb nach Sicherheit dürstenden Mensch in der Gesellschaft wenn Patrick Wagner textet:

Als wir kamen
Wir waren ungebrochen
Als wir kamen
Wir waren unverdrossen
Als wir kamen
Wir waren frei von Angst
Als wir kamen
Wir waren schön wie Gott
Wir waren schön wie Gott
Wir waren schön wie Gott
Wir waren schön wie Gott

7. Du Hund – International Music

Aus einem Album mit mindestens sechs oder sieben eiskalten Hits (Nebel! Für Alles! Kneipe! Daddy ist Rich! Metallmädchen! Mama warum?! Mont St Michel!) war für mich dann „Du Hund“ doch noch das eine Stückchen mehr herzrührender. Vielleicht sind es die überraschenden Byrds-Gitarren im Schlussteil? Oder die unerwarteten Pennäler-Lyrics, an deren Witz ich mich auch noch nach dem fünfzigsten Hördurchgang erfreuen kann „Was hat der Rektor mir denn schon zu sagen / ich geh nicht in die Schule / Du Hund / Hast mich an der langen Leine“? Oder dass „Du Hund“ selbst aus diesem vielschichtigen Album noch einmal als besonders eigenständiges Stück heraussticht, da es wohl die größte Entfernung zu Kraut-Rock oder Jesus & Mary Chain hat, die sonst das Mutteralbum durchziehen?

8. Life Is Golden – Suede

Der Höhepunkt des sehr gelungenen neuen Suede-Albums und dort einer der eher seltenen Momente, an denen der Himmel aufreisst und die Gitarren ausbrechen:

You’re not alone; look up to the sky and be calm
You’re not alone look into the light and be heard
You’re never alone; your life is golden
Golden

9. Walking All Day – Graham Coxon

Etwas überraschend war es schon, dass Blur-Gitarrist den Soundtrack zu Netflix‘ Überraschungshit „End Of The Fucking World“ geschrieben hatte – und natürlich sind Soundtrack-Arbeiten nicht mit den Maßstäben regulärer Alben zu bemessen. Dennoch sind erstaunlich viele Cuts eigenständige Songs und gehören zum Besten, was Graham seit Jahren veröffentlicht hat. Besonders bemerkenswert der Folk-Song „Walking All Day“, in dem Coxon schön das adoleszente Brennen einfängt: „Walkin‘ all day with my feet on fire, tryin‘ to get closer to you“.

10. Ride On – Wooden Shjips

In „Ride On“ kommt das neue Wooden Shijps – Album „V.“ ganz zu sich. Ein Meisterwerk des psychedelischen Folkrocks, das zurückgreift auf The Band oder Neil Young und in seinen sieben Minuten fünfzehn Sekunden eine ganze Welt umfasst.

11. Nebel – International Music
12. Bevor du schläfst – Der Nino Aus Wien
13. Wide Awake – Parquet Courts
14. Allé Sauvage – Beak>
15. Unentschieden gegen Ried – Der Nino aus Wien

16. Serotonin – Isolation Berlin
17. How Did This Happen – Bodega
18. Cliffhanger – Grimm Grimm
19. Niemals – Die Nerven
20. The South Will Never Rise Again – Des Demonas

21. Im Westen – Swutscher
22. Wach – Der Nino Aus Wien
23. Für Alles – International Music
24. Only My Honesty Matters – Baxter Dury, Etienne De Crecy, Delilah Holiday
25. Brick Lane – L.A. Salami

26. Alles was ich immer wollte war alles – Tocotronic
27. Freebird 2 – Parquet Courts
28. Party With Marty – Will Oldham
29. I Hate Berlin I & II – Farce
30. Boys In The Better Land – Fontaines D.C.

31. I’m Your Man – Spiritualized
32. Brean Down – Beak>
33. Y.Hurn Wieso? – Yung Hurn
34. Four Out Of Five – Arctic Monkeys
35. Hand Hold Hero – LUMP

36. Prettyboy – Sam Vance-Law
37. 1000 Whispers – Warmduscher
38. Im Wasser – Kaufmann Frust
39. Der Riss geht auch durch dich hindurch – Lafote
40. Miss You – Born Ruffians

41. Wires – Linn Koch-Emmery
42. Dead Air – Chemtrails
43. Holly – Karies
44. Bang Someone Out – Sleaford Mods
45. Concrete – Shame

46. Eis Auf Ex – Acht Eimer Hühnerherzen
47. Internetgold – UNS
48. To The Boys – Molly Burch
49. The Man – Goat Girl
50. Don’t Move Back To L.A. – Okkervil River


Vorjahresgewinner:
* 2017: IDLES – Mother
* 2016: Oum Shatt – Power To The Women Of The Morning Shift
* 2015: Isolation Berlin – Isolation Berlin
* 2014: Trümmer – Revolte
* 2013: The Strokes – One Way Trigger
* 2012: Kavinsky – Nightcall
* 2011: Ja, Panik: DMD KIU LIDT
* 2010: Best Coast: When I’m With You
* 2009: Girls: „Lust For Life“ und „Hellhole Ratrace“ (geteilter erster Platz)
* 2008: Crystal Castles vs. HEALTH: Crimewave
* 2007: The Cribs feat. Lee Ranaldo: „Be Safe“
* 2006: The Strokes: „Heart In A Cage“
Und 2017?

1. IDLES – Mother
2. Young Fathers – Only God Knows
3. Düsseldorf Düsterboys – Teneriffa
4. Sleaford Mods – Just Like You Do
5. Chuckamuck – 20.000 Meilen
6. Der Nino Aus Wien – Deine Boheme
7. Ezra Furman – Driving Down To L.A.
8. Baxter Dury – Miami
9. Trucks – Surf City
10. Shamir – 90s Kids

Mit Text? hier
Und 2016?

1. Oum Shatt – Power To The Women Of The Morning Shift
2. Die Heiterkeit – The End
3. Fat White Family – The Whitest Boy On The Beach
4. Messer – So sollte es sein
5. Whitney – No Woman
6. Parquet Courts – Berlin Got Blurry
7. Isolation Berlin – Produkt
8. Klez.E – Mauern
9. Pet Shop Boys – Twenty Something
10. Beatsteaks vs Dirk von Lowtzow – French Disko

Mit Text? hier
Und 2015?

1. Isolation Berlin – Isolation Berlin
2. Die Nerven – Barfuß durch die Scherben
3. Ezra Furman – Pot Holes
4. Mile Me Deaf – Digital Memory File
5. Tocotronic – Prolog
6. Sophie – Just Like We Never Said Goodbye
7. Locas In Love – Blackbox
8. Wave Pictures – Great Big Flamingo Burning Moon
9. Car Seat Headrest – Something Soon
10. Bully – I Remember

Mit Text? hier
Und 2014?

1. Trümmer – Revolte
2. Wanda – Bologna
3. Ja, Panik – Dance The ECB
4. Parkay Quarts – Pretty Machines
5. La Roux – Sexotheque
6. The Vacant Lots – Make The Connection
7. Schnipo Schranke – Pisse
8. Alvvays – Archie Marry Me
9. Parkay Quarts – Uncast Shadow Of A Southern Myth
10. Andrew Jackson Jihad – Linda Ronstadt

Mit Text? hier
Und 2013?

1. The Strokes – One Way Trigger
2. Daft Punk – Giorgio By Moroder
3. King Krule – Easy Easy
4. Wild Billy Childish & CTMF – All Our Forts Are With You
5. Chuckamuck – Hitchhike
6. Messer – Neonlicht
7. Daughter – Youth
8. Gabriel Bruce – Cars Not Leaving
9. Big Sean featuring Kendrick Lamar & Jay Electronica – Control
10. The Julie Ruin – Run Fast
Mit Text? hier
Und 2012?

1. Kavinsky – Nightcall
2. Bonnie ‚Prince‘ Billy – I See A Darkness
3. Pond – You Broke My Cool
4. Die Nerven – Irgendwann geht’s zurück
5. Chromatics – These Streets Will Never Look The Same
6. Var – In Your Arms
7. This Many Boyfriends – Tina Weymouth
8. Peace – California Daze
9. Kid Kopphausen – Das leichteste der Welt
10. Bleeding Knees Club – Teenage Girls
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Und 2011?

1. Ja, Panik: DMD KIU LIDT
2. The Rapture: How Deep Is Your Love
3. Ja, Panik: Nevermind
4. Locas In Love: Manifest
5. Tyler, The Creator: Yonkers
6. Metronomy: The Bay
7. WU LYF: Such A Sad Puppy Dog
8. The Strokes: Under Cover Of Darkness
9. Noah & The Whale: L.I.F.E.G.O.E.S.O.N.
10. Die Heiterkeit: Die Liebe eines Volkes hat mich zur Königin gemacht

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Und 2010?

1. Best Coast: When I’m With You
2. Blur: Fool’s Day
3. The Drums: Down By The Water
4. Magic Kids: Hey Boy
5. Kath Bloom: Heart So Sadly
6. The Smith Westerns: Be My Girl
7. Girls: Substance
8. Clinic: Baby
9. CEO: Come With Me
10. Belle & Sebastian: I Want The World To Stop
Und 2009?

1. Girls: „Lust For Life“ und „Hellhole Ratrace“ (geteilter erster Platz)
2. Element Of Crime: “Kaffee und Karin”
3. The Horrors: “Who Can Say”
4. We Were Promised Jetpacks: “It’s Thunder And It’s Lightning”
5. Jamie T: “Sticks & Stones”
6. The Wave Pictures: “Tiny Craters In The Sand”
7. The Maccabees: “No Kind Words”
8. Julian Casablancas: “11th Dimension”
9. Fehlfarben: “Nichts erreicht meine Welt” (live)
10. Felice Brothers: “Penn Station”

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Und 2008?

1. Crystal Castles vs. HEALTH: Crimewave
2. Glasvegas: Daddy’s Gone
3. Wild Billy Childish & The Musicians Of The British Empire: He’s Making A Tape
4. Hot Chip: Ready For The Floor
5. MGMT: Kids
6. HEARTSREVOLUTION: C.Y.O.A.
7. 1000 Robota: Ich blicke an dir vorbei
8. The Mae-Shi: Run To Your Grave
9. Be Your Own PET: Becky
10. Mystery Jets feat. Laura Marling: Young Love

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Und 2007?

1. The Cribs feat. Lee Ranaldo: „Be Safe“
2. Emmy The Great: “Easter Parade”
3. M.I.A.: “Paper Planes”
4. Babyshambles: “There She Goes (A Little Heartache)”
5. Die Türen: “Indie Stadt”
6. The Indelicates: „Julia, we don’t live in the 60ies“
7. Tocotronic: “Kapitulation”
8. Joe Lean & The Jing Jang Jong: “Lucio Starts Fires”
9. Black Lips: “Bad Kids”
10. Glasvegas: “It’s My Own Cheating Heart That Makes Me Cry” (demo)

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Und 2006?

1. The Strokes: „Heart In A Cage“
2. Love Is All: „Spinning & Scratching“
3. Dirty Pretty Things: „Bang Bang You’re Dead“
4. Guillemots: „Trains To Brazil“
5. Clap Your Hands Say Yeah: „Upon This Tidal Wave Of Young Blood“

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