Liebst Fin,
ich schreibe inzwischen mehr Briefe in kürzeren Abständen, denn die Anzeichen häufen sich. Letztens haben sich diejenigen auf einer Tagung versammelt, die den Backlash schon jetzt zu spüren bekommen und sich wappnen, ihre Waffen schärfen und um sich zu verbünden.
Ich war am letzten Septemberwochenende an der RuB in Bochum bei Feministisch vergesellschaften, einer Veranstaltung der Rosa Luxemburg Stiftung. Sie ging von Freitagmittag bis Sonntagnachmittag und zählte am Samstag an die Tausend Teilnehmenden. Das hat mich sehr begeistert, denn ich wusste nicht, was mich erwartet.
Damals, vor sieben Jahren, als es das erste feministisch vergesellschaften gegeben hatte, war ich in dieser Zeit der feministischen Widerstände, Aufbrüche und Kämpfe leider in einer ganz anderen Position festgebunden. Und jetzt ist eine ganz andere Zeit aus feministischer Perspektive.
Die Podiumsdiskussionen und Workshops an diesem Wochenende beschäftigten sich aus verschiedenen Perspektiven mit den Themenbereichen: Geschlechterverhältnisse, Kapitalismusanalyse, Commons / Soziale Infrastruktur, Demokratischer Sozialismus und Feminismus.
Mich beschäftigten dabei vor allem die Fragen: Wie gestaltet sich die derzeitige Faschistisierung aus und wie weit ist sie schon vorangeschritten, in Deutschland und Weltweit? Welche Erfahrungen gegen die Repressionen gibt es? Und natürlich die brennende und immer wieder gestellte Frage: Was kann Mensch jetzt tun und worauf müssen wir uns kurz- und langfristig vorbereiten?
Die verschiedenen Perspektiven speisten sich zum Einen aus den Bereichen der kapitalistischen Krisen wie Ökologie, Erziehung und Bildung, Globalisierung, Wohnen und Nahrung, Rassismus, Rückbau des Sozialstaats, Geschlecht uvm und zum Anderen aus den Erfahrungen anderer Länder, in welchen die Faschistisierung schon weiter vorangeschritten ist. Dabei wurde insbesondere Argentinien als „Versuchslabor der faschistischen Oligarchien“ immer wieder aufgegriffen, als auch die USA als global vorantreibende Macht für „die Lösung“ der kapitalistischen Krisen mittels des Faschismus.
Dabei sind mir sehr viele Zusammenhänge deutlich geworden, die bedeutend dafür sind, wenn mensch sich nicht in der Vereinzelung und Einsamkeit der individuellen Krisenverschuldungen verlieren will und das möchte ich unbedingt mit dir teilen.
Versicherheitlichung
Mit neuen Epochen werden auch immer wieder neue Begriffe geschaffen, die sogenannten Wortneuschöpfungen in der deutschen Grammatik, die ich persönlich ja sehr liebe. Bei diesem Panel ging es um die zunehmende Verschärfung der staatlichen Sicherheitsbedingungen insbesondere in Städten (durch Kameras, steigende Polizeipräsens, kriminalisierte Orte usw.) und die menschlichen Ohnmächte und aber auch die Möglichkeiten, der individuellen Verunsicherung auf anderer Seite entgegenzuwirken. Denn dass zum Beispiel die exekutive Sicherheit durch eine steigende Polizeipräsens eine immer stärkere Kontrolle und eine Darstellung von Macht für und gegen diejenigen Personengruppen bedeutet, die als passend oder unpassend definiert werden, ist dann nur noch eine Frage des individuellen Lebenslaufes und der herrschenden Staatsmacht.
Was da an strukturellen Veränderungen auf uns zukommt, haben wir selbst während der letzten Pandemie zum Teil schon erlebt: Ausweiskontrollen, Sperrzonen, Zugänge, die nur noch durch bestimmte Passierscheine gewährt werden, Aufgreifen von Jugendlichen usw. Wahrscheinlich erinnerst du dich noch daran, während viele Menschen in meinem Umfeld das schon erfolgreich verdrängt haben und immer ganz überrascht sind, was ihnen an Gefühlserinnerungen wieder einfällt, wenn wir darüber sprechen.
Gleichzeitig, während der Stärkung der inneren Sicherheit, wird die soziale Infrastruktur zurückgenommen und es findet ein Rückbau von eben dieser Infrastruktur statt, was in diesem Panel bezeichnet wurde als: organisierte Vernachlässigung. Dabei geht es, wie auch schon während der Lockdowns, dann um die Frage der Entbehrlichkeit von Menschengruppen, die man auch als überschüssiges Kapital bezeichnen kann, und zB um deren Wohn- und Lebensräume.
Dass es diese Sortierung schon gibt, auch in Deutschland, zeigt sich zB an den Kürzungen und Schließungen von Jugendeinrichtungen, oder dass bestimmte Gebiete, Parks und Grünstreifen nicht mehr von der städtischen Müllabfuhr regelmäßig gesäubert werden und wenn sich die Menschen dieser Gebiete darüber beschweren, hat ihr Protest keine Bedeutung mehr, weil sie per Definition eh in kriminalitätsbelasteten Orten leben und „selbst Schuld“ sind.
Die jetzigen und zukünftigen widerständischen Handlungsmöglichkeiten aus den Beispielen Argentiniens und auch schon Teilen deutscher Großstädte speisen sich aus dem Aufbau von parallelen Sicherheitsstrukturen durch Nachbarschaftsgemeinschaften, den Skills linker radicals und queerer Menschen und der Bereitschaft von Alleys, sich für ihre Mitmenschen und ihre Gemeinschaft zu engagieren, obwohl sie vielleicht noch nicht selbst direkt betroffen sind. Sie bauen informelle Netzwerke und andere Strukturen auf, um sich Fähigkeiten für einen Widerstand gegen den Abbau und anderes anzueignen und nicht mehr der individuellen Ohnmacht zu erliegen. Es wird eine kollektive Handlungsfähigkeit aufgebaut und dies kann eine große politische Bedeutung bekommen, denn dadurch kann die eigene Sicherheit – das Gefühl und eine alle Menschen umfassende Sicherheit – im Stadtteil, im Viertel, im Wohnhaus wieder hergestellt werden.
Als Beispiele wurde genannt, dass Ressourcen und Zeit geteilt wurden und dadurch sowohl Läden und Geschäfte, als auch Obdachlose vor überraschenden Polizeikontrollen und auch Raub und Gewalt von ihren Nachbar*innen geschützt wurden. Dadurch konnte die Alltagsfähigkeit wieder aufgebaut werden und Menschen überhaupt erst wieder in die Lage gebracht werden, wieder selbst handlungsfähig zu sein, anstatt in individueller Angst und Einsamkeit zu erstarren, in der Scham von „selbst Schuld“.
Faschistisierung
An dieser Stelle möchte ich erwähnen, was mir in anderen Panels als Diskussionen und Publikumsfragen auf der Veranstaltung immer wieder begegnete und ich für extrem bedeutsam halte: „eine Strategie der Faschistisierung ist es, die Jugend immer stärker und immer früher zu kriminalisieren“ (Strukturen und Mechanismen in Deutschland dazu habe ich auch schon in die Mehrzweckeier beschrieben). Gleichzeitig treffen die kapitalistischen Krisen Familien am härtesten, weshalb diese mehrheitlich in unauflösbaren Verschuldungen landen. Hat die Bundesregierung durch die Finanzspritzen in die Bankenkrise aus der Immobilienblase von 2008 noch einige Häuslebauer vor dieser Kapitalkrise verschont, nimmt die Abwärtsspirale gerade richtig Fahrt auf.
Und an dieser „zurückgelassenen Stelle“ der bürgerlichen Kleinfamilie und anderen greift die Faschistisierung in Deutschland gerade voll rein, was auch zu den Wahlergebnissen und der wahrnehmbaren Stimmung passt: denn im Agenda-Setting von Rechts sind die sozialen Unsicherheiten, Wohnungsnot usw. nicht die Folge der kapitalistischen globalen Krisen, sondern die Folge einer fehlenden (rassistischen) Ordnung und autoritärer Strukturierung von Zuwanderung, Familienstrukturen, Geschlechterdefinition u.a. Denn um was sich die faschistischen Krisenlösungen ranken sind: Gewalt, soziale Reproduktion und Körper – Gender und Race – und Staat. Alternative Krisenlösungen sind bei den anderen Parteien nicht erkennbar, sondern im Gegenteil, wird auch dort nach einer Zunahme von autoritären Strukturen geschrien, wie du ja auch schon in einem Brief letztes Jahr geschrieben hast, und es verschiebt sich, inzwischen Monat für Monat, was als demokratisch haltbar und legitim gilt.
Handlungsmacht
Neben diesen ganzen, mich während der Veranstaltung auch immer wieder sehr erschütternden Erkenntnisse über diese Strukturen und die Kürze der Zeit, in denen sie umgesetzt und etabliert wurden und dass der oben beschriebene kämpferische feministische Widerstand vieler Orts schon wieder verpufft ist, möchte ich das, was mir gleichzeitig Aufschwung und ein Empfinden von Handlungsmacht gegen das ansonsten dominierende ohnmächtige Empfinden gegeben hat, mit dir teilen.
Denn neben der Darstellung der deprimierenden Schritte in die immer umfassendere Faschistisierung der Welt konnten die internationalen Vertreter*innen den Funken ihres Widerstandes ebenfalls mit uns teilen:
Da war zum Einen die Formulierung der Notwendigkeit eines internationalen Antifaschismus und davon, dass Menschen über Grenzen – hiermit sind nicht nur die staatlichen gemeint – hinweg voneinander lernen. Dass die Leute von selbst anfangen würden und es plötzliche Organisationen von unten her gibt. Dass sich in Nachbarschaften und Gemeinschaften vernetzt wird. Dass erfasst wurde, dass es darum geht, aus der Vereinzelung rauszukommen und dass das mit dem Teilen der Ressourcen von Zeit, Gemeinwohl und öffentlicher Infrastruktur gelingt. Es ging im Wesentlichen darum, die hochtrabenden Theorien umzuwandeln in ihre notwendige Praxis und zB nicht von Vergesellschaftung zu sprechen, sondern bezahlbaren Wohnraum anzugehen.
Als zentrale Elemente habe ich auch notiert, dass die Probleme umgekehrt werden müssten: dass die „psychische Belastung auf die Straße kommen müsse“, damit sie nicht zu (rechtem) Hass, sondern zur verbindenden Gemeinsamkeit führt. Zum Beispiel könne die großflächige Verschuldung auch als vereinheitlichendes Element benutzt werden, indem die betroffenen Bevölkerungsgruppen sich verbinden und miteinander das Problem als gesellschaftliches angehen könnten, anstatt im individuellen – als selbstverschuldet defamierten und insofern mit Scham besetzten – Elend zu landen. Von Care-Inis und der Sicherung von Orten war die Rede und dass Konflikte gelebt und im Miteinander thematisiert, ausgehandelt und betrachtet werden müssen.
Hier ging ein ganz deutlicher Appell an alle, die sich als politisch „links“ bezeichnen und darüber definieren. Dass nämlich hier nicht (mehr) das Ziel in der Harmonie (und Homogenität) liegen darf, sondern dass Vielfalt und Konflikte in einer linken Praxis gelebt werden müssen – dass diese „Szene wieder lernen muss, sich als Teil der Gesellschaft zu begreifen und das auch zu leben“.
Abschließend möchte ich unbedingt noch einen Aspekt mit dir teilen, der mich wieder einmal erheiternd beruhigt hat: und zwar wurde auch das Element von Zufällen thematisiert. Denn was weiter trägt, was aufgegriffen wird und worein Menschen sozialisiert werden, und welche soziale Umgebung was mit Menschen macht, welche Erfahrungen und welches Lernen wen dann wohin führt und welche Wellen sozialer Mobilisierung daraus entstehen können, hängt genau davon immer deutlicher ab, wenn wir uns, wie jetzt, im Zerfall von Strukturen befinden. Für mich war das ein schönes Beispiel – und deshalb die erheiternde Beruhigung – für die Risse im Gestein, wenn eine Mauer beginnt zu bröckeln. Diese Metapher hast du einmal erstellt und ich finde sie immer passender.
Rückblickend kann ich sagen, dass diese Veranstaltung solch ein Riss war: dass solche Themen mit diesen Inhalten an der Ruhr Universität Bochum im Herbst 2026 benannt wurden, war ein besonderes Ereignis dieser Art und ich bin sehr froh, dass ich das mitbekommen habe und hingereist bin.
Und auch wenn ich skeptisch bleibe, ob die Beispiele und Anregungen aus den anderen Ländern dieser Welt im Gemüt der deutschen Menschen auch soviel wachrüttelt – denn der brave Michel geht tief unter die Haut – diese Veranstaltung hat ein Zeichen dafür gesetzt.
Das hatte auch der Untertitel zu dieser Veranstaltung versprochen: Her mit dem ganzen Leben! Und er wurde eingelöst: Es geht in dieser feministischen Perspektive nicht darum, womit mensch sich zufrieden geben kann, sondern darum, sich zu organisieren und nicht zurückzuweichen, auch wenn und gerade weil die herrschende patriarchale Macht sich aufbaut.
Als am Samstagabend Tigrrez Punch in der Rotunde über die Bühne schmetterte und die Teilnehmer*innen sich gemeinsam im Schreien zu „Fight Like A Girl“ empowerten, empfand ich genau so ein Element von Zufall in diesem Riss.
Die Veranstaltenden kündigten am Ende an, dass es in zwei Jahren ein feministisch vergesellschaften III geben wir.
Deine Nena
2. Brief: Im Namen der Sicherheit
5. Brief: Suizide auf den Gleisen – Morde an den Grenzen
6. Brief: Neu definiert: besser „gesund“ als bedürftig, lieber tot als krank
9. Brief: Ich möchte lieber nicht
10. Brief: Raubbau am Sozialsystem
11. Brief: To All The Boys I´ve Loved Before
12. Brief: Sind wir zu schnell für uns selbst? Sind wir zu langsam für diese Veränderungen?
14. Brief: Was ist heute schon normal?
15. Brief: Willkommen im bunten Faschismus
16. Brief: Psychotherapie – kann das weg?