vonChristian Ihle 31.12.2025

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. One Battle After Another (Paul Thomas Anderson)

Paul Thomas Andersons von Thomas Pynchons „Vineland“ inspirierte Revolutionssatire mit goldenem Herz bleibt trotz seiner weitverzweigten Story, die gern ihre Auswege in irrsinnig labyrinthinischen Settings sucht, immer griffig genug, weil der Film durch seine Vater-Tochter-Beziehung im Zentrum geeredet wird, die der bis zum äußersten überzeichnete Gegner (Sean Penn als Steven J Lockjaw) zerreissen will.

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2000 Platz #4: Magnolia ·
2003 Platz #28: Punch-Drunk Love ·
2008 Platz #6: There Will Be Blood ·
2015 Platz #10: Inherent Vice ·
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2022 Platz #15: Licorice Pizza ·

2. A Complete Unknown (James Mangold) DISNEY+

Im Grunde ist es ja verrückt: Im Jahr 2025 eine einhundertvierzigmüntige Geschichte darüber zu erzählen, ob Bob Dylan vor 60 Jahren nun eine fucking E-Gitarre in die Hand nahm oder nicht.
Doch mit „A Complete Unknown“ ist James Mangold etwas unwahrscheinliches gelungen: ein Biopic, das zwar Stationen eines Lebens erzählt, aber sich genügend Erklärungen verweigert, dass Dylan dennoch immer ein Rätsel bleibt. „A Complete Unknown“ versucht gar nicht, ihn auszuerzählen. Aber zugleich vermittelt Mangold, welche kulturelle Kraft dieser junge Mann hatte, wie sehr die Welt auf einmal gestoppt hat und begann, sich für einige Jahre nur noch um ihn zu drehen.

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2003 Platz #17: Identität – Identity ·
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3. The Brutalist (Brady Corbet)

„The Brutalist“ ist ein großer, dreieinhalbstündiger Entwurf eines Lebens und doch impressionistisch bis zuletzt. Zwar geschehen Katastrophen und Triumphe im Großen, doch sind sie immer durch ihre Wirkung nach innen, auf die Figur im Zentrum erzählt, auf Adrien Brodys Architektur-Legende, die als Flüchtling in Amerika beschwerlich Fuß fasst und sich tellerwaschend, kohleschaufelnd nach oben arbeitet, aber doch nie den Stolz seines früheren Lebens ablegen kann.

4. Sirat (Oliver Laxe)

Lange geschieht wenig in diesem Film, der sich der hypnotischen Eintönigkeit des Techno auch in seinen Bildern und Geschichte hingibt. Doch wenn der Bass droppt bzw. das erste Leben fällt, erschüttert das bis ins Herz. Von hier an, gut eine Stunde im Film, hört Oliver Laxe mit „Sirat“ nicht mehr auf, die Szene eskalieren zu lassen bis zu einem Ende im Nichts, in dem selbst die Bewegung, der Tanz und die Euphorie nur noch Explosion und Tod bedeuten können.
In seiner existentialistischen Leere und Gnadenlosigkeit fühlt sich „Sirat“ an, als hätte Antonioni ein „Lohn der Angst“-Remake mit Techno-Hippies gedreht. Ein phänomenaler Film, einer der besten des Jahres.

5. 28 Years Later (Danny Boyle) NETFLIX

„28 Years Later“ ist nicht nur Boyles bester Film seit, nun ja, „28 Days Later“, sondern auch der beste Zombie-Film seit vielen vielen Jahren. Boyle gelingt meisterlich die Gleichzeitigkeit zwischen Horror-Szenen und introspektiven Momenten, die genug Luft lassen, um eine Ahnung vom Leben in dieser Welt zu vermitteln.

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2003 Platz #3:28 Days later ·
2007 Platz #7: Sunshine ·
2017 Platz #22: T2 Trainspotting ·

6. Heldin (Petra Volpe)

Eine Spätschicht als Pflegerin im Krankenhaus.
Notfälle, nervige Angehörige, Zeitdruck, Anfragen, Anspruchshaltung und immer mehr Zeitdruck, Zeitdruck, Zeitdruck… Leonie Benesch liefert in der Hauptrolle beispielhaftes Multitasking und Petra Volpe inszeniert diesen einen Abend im Krankenhaus mit irrem Zug, dass man selbst vom Zusehen schon überfordert wird.

7. Soundtrack to a Coup d’Etat (Johan Grimonprez)

Es klingt nach Wahnsinn und funktioniert doch: Free Jazz!
Spaß beiseite, meine eigentlich: das zweieinhalbstündige Doku-Essay „Soundtrack to a Coup d’État“ von Johan Grimonprez, das die Geschichte der Befreiung Afrikas aus kolonialen Fesseln, die Intrigen des Westens, den Kalten Krieg, die Instrumentalisierung der UNO sowie Aufstieg und Fall von Patrice Lumumba mit der Historie des Jazz verschränkt.
Will man „Soundtrack to a Coup d’État“ ganz durchdringen, benötigt es schon einiges an Hintergrundwissen um Kongo, Lumumba und den Kampf Afrikas um Selbstständigkeit, da Grimonprez eben nicht explizit seine Analyse formuliert, sondern die Originaltexte für sich sprechen lässt. Doch Grimonprez ‚Soundtrack‘ ist eben keine Geschichtsdoku der ARD, sondern will über Montage von Bildern ein gefühltes Verständnis der Zusammenhänge erzeugen – und das gelingt ihm so vollkommen, dass man am Ende mit gestreckter Faust die kongolesische Region Katanga befreien möchte.

8. Roofman (Derek Cianfrance)

Channig Tatum verzichtet in „Roofman“ auf seine Sexsymbol-Ausstrahlung und gibt überzeugend in einer karrierebesten Performance den wohlmeinenden, auf die falsche Spur gekommenen Everyday Joe. Was „Roofman“ von einer Kleingangster-Geschichte abhebt, ist die durchwegs berührende Sehnsucht nach einer Familie, die Tatums Charakter durch den Film leitet. Schön, dass Derek Cianfrance 15 Jahre nach „Blue Valentine“ noch einmal so die Herzensglocke klingen lässt.

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2011 Platz #2: Blue Valentine ·
2013 Platz #37: The Place Beyond the Pines ·

9. September 5 (Tim Fehlbaum) NETFLIX

Ein Kammerspiel zu den olympischen Attentaten von München 1972: der deutsche Regisseur Tim Fehlbaum (oscarnominiert für das auch von ihm geschriebene Drehbuch) inszeniert diesen Albtraum der Sportgeschichte mit verblüffend einfachen Mitteln, ohne dabei aber die Wucht des Moments zu verlieren. Gerade weil wir als Zuschauer wie die Protagonisten von den Ereignissen überrascht werden, uns mit ihnen erst die Zusammenhänge erarbeiten und damit auch die Bedeutung der Geschichte verstehen, ist „September 5“ irre spannend und gegen Ende im Erfahren von unvollständigen, manchmal gar falschen Informationen erschütternd.

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2011 Platz #43 Hell ·

10. Train Dreams (Clint Bentley) NETFLIX

Ein Leben in 102 Minuten.
Wir folgen Joel Edgertons schweigsamen Holzfäller durch die Widrigkeiten eines Jahrhunderts. Harte Arbeit, viel Einsamkeit, die eine große Liebe, der schmerzlichste Verlust, die Verzweiflung, die Resignation, das Dahinvegetieren, das einsame Ende.

11. Hysteria (Mehmet Akif Büyükatalay)

Aus einem ernsten Start entwickelt sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel, das zugleich noch einen schönen Meta-Kommentar über Kunst und Empfindlichkeiten, Narzissmus und Lippenbekenntnisse, White Privilege und soziale Klassen formuliert.

12. A House of Dynamite (Kathryn Bigelow) NETFLIX

Kathryn Bigelows „House Of Dynamite“ ist ein Quasi-Kammerspiel in der Tradition von Sidney Lumets „Fail Safe“.

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2009 Platz #27: Tödliches Kommando – The Hurt Locker ·

13. MadS< (David Moreau)

„MadS“ entwickelt so viel Zug und hat den Willen zu genug Härte, dass man sich aufs angenehmste an die besten Momente der New French Extremity – Welle der Nuller Jahre erinnert fühlt (oder an einen weniger arthousigen Ducournau-Film).

14. Oddity (Damian McCarthy)

„Oddity“ ist ein Horrorfilm mit – wie im Titel versprochen – vielen Merkwürdigkeiten, die manchmal nicht ganz zum gleichen Ziel führen, aber auf diesem Weg erstaunlich viel Wirkung zeigen.

15. The Phoenician Scheme (Wes Anderson)

In der Kombination mit dem Plot-Twist-Overkill ist „Phoenician Scheme“ im Ganzen einer der unterhaltsamsten Anderson-Filme seit langem (den Episodenfilm „The French Dispatch“ mal ausgenommen, der herausragende Momente hatte).

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2001 Platz #11: Rushmore ·
2002 Platz #2: Die Royal Tenenbaums ·
2005 Platz #32: The Life Aquatic ·
2008 Platz #11: Darjeeling Limited ·
2010 Platz #12: Fantastic Mr. Fox ·
2012 Platz #5: Moonrise Kingdom ·
2014 Platz #25: The Grand Budapest Hotel ·
2018 Platz #9: Isle of Dogs ·
2021 Platz #6: The French Dispatch ·
2023 Platz #22: The Wonderful Story of Henry Sugar ·
2023 Platz #47: Asteroid City ·

16. Beating Hearts (Gilles Lellouche) AMAZONPRIME

Die 35 Millionen teure französische Produktion (Frankreich tickt echt anders!) ist zugleich Coming Of Age wie Romeo & Julia – Romantik, Gangsterthriller wie Familienmelodram. Ein Film, der alles will, und auch wirklich viel davon erreicht.

17. Relay – The Negotiator (David Mackenzie)

Ein schön spannnder Thriller um einen im Verborgenen arbeitenden Typen, der Whistleblower schützt und ihnen hilft, Arrangements mit den angeklagten Firmen zu treffen.

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2007 Platz #17: Hallam Foe: This Is My Story ·
2011 Platz #15: Perfect Sense ·
2014 Platz #8: Mauern der Gewalt ·
2017 Platz #24: Hell or High Water ·

18. Sentimental Value (Joachim Trier)

„Sentimental Value“ spielt mehr wie eine Sammlung von kleinen Episoden aus zwei Leben und wie diese eine emotionale Wechselwirkung erzeugen, die beide Figuren in gegenseitiger, ungewollter Abhängigkeit zeigen.

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2007 Platz #3: Auf Anfang ·
2013 Platz #2: Oslo, 31. august ·
2016 Platz #16: Louder Than Bombs ·
2018 Platz #10: Thelma ·
2022 Platz #1: Der schlimmste Mensch der Welt ·

19. Sorry, Baby (Eva Victor)

Der von Eva Victor geschriebene, inszenierte und in der Hauptrolle gespielte Film ist einer der besten Betrachtungen des #metoo-Moments und von männlicher Übergriffigkeit im Generellen.

20. The Lost Bus (Paul Greengrass) APPLETV+

„The Lost Bus“ ist nägelkauend anspannend und findet doch immer wieder Momente der Ruhe, um auch die Verzweiflung der Charaktere zuzulassen.

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2004 Platz #19: Die Bourne Verschwörung ·
2006 Platz #28: Flug 93 ·
2007 Platz #16: Das Bourne Ultimatum ·

21. Night Always Comes NETFLIX

Eine düstere Abwärtsspirale, die ein kaputtes Leben in einer Nacht spiegelt, und am Ende vielleicht doch noch einen kleinen Hoffnungsschimmer bereithält.

22. Weapons

„Weapons“ hat sicherlich etliche Horrorelemente, Gore und Spannung, aber ist andererseits auch augenzwinkernd ohne ironisch zu sein und mit Witz ohne lustig zu sein.

23. Der Pfau AMAZONPRIME

Ein wirklich interessantes Spielfilmdebüt von Regisseur & Autor Bernhard Wenger, dessen „Pfau“ sich hier – abgesehen vom offensichtlichen Lanthimos-Vergleich – neben Filmen wie „Dream Scenario“ von Kristoffer Borgli oder Alex van Warmerdams „Borgman“ einsortiert.
Ein weirder, kühler, schwer greifbarer Film.

24. Vice Is Broke MUBI

Dieses Abarbeiten am Ende der Untergrundinstitution VICE ist äußerst unterhaltsam, gerade weil es nicht von außen, sondern von innen geschieht. Huang hat den Insider-Zugang und – noch wichtiger – *immer noch* den Underdog-Gestus verinnerlicht, weswegen sein blutendes Herz imer wieder auf die Leinwand schwappt.

25. Eight Eyes

A Serbian Chainsaw Massacre.
„Eight Eyes“ ist ein erfreulich langsam aufbauender Horrorfilm, der erst in seiner letzten halben Stunde eskaliert.

26. Pavements MUBI

Pavement, deconstructing rock&roll since 1989!
Die von Alex Ross Perry gedrehte Bandbetrachtung darf sicher als eine der ungewöhnlichsten, um-die-ecke-gedachtesten Musikdokus überhaupt gelten.

27. Together

„Together“ hat einen gleich mehrfach interessanten, gegenintuitiven Ansatz für einen Horrorfilm.

28. Mother’s Baby

Was wie ein Drama über postnatale Depression startet, entwickelt sich überraschenderweise von Minute zu Minute mehr in einen astreinen Paranoia-Film. „COMA“, aber mit Axolotls.

29. Oslo Stories: Dreams

In „Dreams“ erzählt Haugerud von einer 17jährigen Schülerin, die zum ersten Mal die Liebe entdeckt – dummerweise aber zu ihrer Lehrerin.

30. No Other Choice

Park Chan-Wook bleibt einer der einfallsreichsten Stilisten des Kinos weltweit: wieviele überraschende Übergänge, kreative Kamerafahrten und tolle Tableaus der Südkoreaner hier baut! Ein Feuerwerk kreativer Ideen.

31. Caught Stealing

Unterhaltsam und bis in die Nebenrollen gut besetzt, wenn auch nicht viel mehr.

32. Köln 75

„Köln 75“ erzählt von dem mythenumrankten Auftritt des Jazz-Pianisten Keith Jarrett, dessen Mitschnitt „The Köln Concert“ die meistverkaufte Klavier- wie auch Jazz-Soloplatte überhaupt werden sollte.

33. Presence

Wirklich stark wird Soderberghs Geisterfilm erst durch die realen Ereignisse des Films, die von Bullying und Machtwahn unter Jugendlichen erzählen und auf überraschende Art eskalieren.

34. Grand Theft Hamlet MUBI

Mit Sicherheit eine der originellsten Ideen, die aus der Zwangssituation des Daheimbleibens in der Pandemie geboren wurde: als zwei deshalb arbeitslose Schauspieler während ihrer ständigen „Grand Theft Auto“-Sessions eine große Theaterbühne im Videospiel entdecken, keimt die Idee, innerhalb des Videogames einmal „Hamlet“ aufzuführen.

35. I’m Still Here

Ein Melodram über eine Familie gewickelt in einen politischen Thriller.

36. Sound of Falling

Ein impressionistischer Blick auf Unterdrückung – und daraus folgende Depressionen – über Generationen von Frauen hinweg.

37. Bugonia

Mit seinem zunächst recht geradlinigen Plot um die Entführung einer Pharmazie-Firmenchefin scheint „Bugonia“ der zugänglichste aller Filme von Yorgos Lanthimos, des Großmeister der Greek Weird Wave, zu sein. Doch natürlich gibt sich Lanthimos nicht mit einer Coen-esquen Geschichte um zwei Trottel zufrieden, die sich mit ihrem Masterplan heillos verheben.

38. That Summer in Paris

Luftig, leicht, spielerisch wie Eric Rohmer – und dennoch weit ab von allen Klischees, die diese Worte hervorrufen mögen.

39. Black Bag

Soderbergh inszeniert seinen Agenten-Thriller um Täuschungen und Doppeltäuschungen wie eine Abfolge von Kammerspielen.

40. The Swan Song of Fedor Ozerov

Rock’n’Roll, Alkohol, trockener Humor – der belarussische Film „The Swan Song of Fedor Ozerov“ vom im polnischen Exil lebenden Regisseur Yuri Semashko spielt wie eine grindige Punkversion eines Kaurismäki-Films und ist ein wunderbar trockener, aber auch nihilistischer Kommentar zur Kraft der Kunst im Moment der Katastrophe.

41. Hundreds of Beavers

Eine Kurzfilm-Idee, die aber gerade in ihrem letzten Drittel an Tempo und solchem Einfallsreichtum zunimmt, dass Absurditätshöhen erklommen werden, die man sich anfangs nicht träumen ließe.

42. Blue Moon

Ein Kammerspiel an der Theke einer Bar, ein sehr ‚geschriebener‘ Film, mit Dialogen, die natürlich kein echter Mensch als solch druckreife Aphorismussammlung nach dem dritten Bourbon auf die Theke knallen würde, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch.

43. Dreams

Michel Franco erzählt eine Geschichte über Macht und Migration. Unterkühlt, am Ende gar hanekehaft, wirft Franco seinen Blick auf die Machtdynamiken zwischen einer reichen amerikanischen Philantropin (Jessica Chastain als älteres Daddy‘s Girl) und einem jungen, in die USA illegal eingereisten mexikanischen Ballett-Tänzer. Die Beziehung ist bestimmt von Liebe, Begierde und natürlich Geldhaben, Keingeldhaben.

44. Lesbian Space Princess

Ein Zeichentrickfilm über die introvertierte Weltraumprinzessin Saira, die den Heimatplaneten Clitopolis verlassen muss, um ihre von den Straight White Maliens gekidnappte Exfreundin zu befreien.

45. Babo: The Haftbefehl Story NETFLIX / RTL+

Ist das Voyeurismus? Exploitation? Sicherlich.
Kann es gerechtfertigt werden, wenn der Protagonist selbst anscheinend fein damit ist? Oder gibt es dennoch eine ethische Grenze für einen Filmemacher und Netflix, die dennoch die Ausbeutung von Leid an einem gewissen Punkt stoppt?

46. Mad Bills to Pay (or Destiny, dile que no soy malo)

Naturalistischer No Bullshit Blick auf ein New York, das sonst in Filmen nie auftaucht.

47. It’s Not Me MUBI

Carax 40minütige Abhandlung über Leben und die Kunst erinnert an Godards Spätwerke, ohne allerdings dessen didaktisch-beißenden Ton. Carax bleibt am Ende doch ein Romantiker.

48. F1 APPLETV+

Brad Pitt als Formel-1-Fahrer Sonny Hayes sieht Vorschriften als unverbindliche Empfehlung für andere Trottel und findet die Schlupflöcher nicht nur im Fahrerfeld, sondern auch im Regelwerk. So wirkt „F1“ kurzzeitig wie Brad Gilberts legendäre Tennisfibel „Winning Ugly“, aber mit Rädern untendran.

49. Eddington

Wenn man in, sagen wir, 50 Jahren „Eddington“ in seine VHS-Cloud-Speicher-Brille schiebt, wird man einerseits im Schnelldurchlauf (von na gut 148 Minuten) wirklich ALLEN Aufregerthemen der frühen 2020er begegnen und andererseits wohl keine Ahnung haben, was das wohl bedeuten sollte.

50. September & July MUBI

„September & July“ ist trotz seiner inhärenten Weirdness zugänglicher als die oft sperrigen frühen Greek Weird Wave – Filme und damit näher an „Dogtooth“ als an „Attenberg“.

51. Die Saat des heiligen Feigenbaums MUBI

Seine stärksten Momente erzielt „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ in der Darstellung einer durch einen oppressiven Staat gepflanzten, wuchernden Paranoia, die bis in die tiefsten Familienzusammenhänge sickert.

52. Welcome Home Baby

Wenn das Hipster-Pärchen aus Berlin eines Erbes wegen in die Düsternis des österreichischen Dorfes zurückkehrt, erwartet man zunächst eine Culture-Clash-Komödie mit dramatischen Elementen, doch Andreas Prochaska will den Horror des kulthaften „jeder kennt jeden“-Dorflebens wörtlich nehmen.

53. The Ugly Stepsister

„The Ugly Stepsister“ stellt das Aschenputtel-Märchen auf den Kopf: unser Fokus ist von Beginn an auf der sonst immer nur als störende Hexe wahrgenommenen Stiefschwester von Cinderella.

54. Bring Her Back

Intensive Darstellungen, einige bemerkenswerte, verstörende Bilder und ein gutes Sounddesign – was ja für sich genommen durchaus schon den Film sehenswert macht.

55. Heretic

In seiner ersten Hälfte ein wirklich tolles Horror-Kammerspiel, das bis dahin ausschließlich über eine theologische / ethische Diskussion funktioniert.

56. DEVO NETFLIX

Die Dokumentation von Chris Smith erzählt die Geschichte der Band relativ straight, aber informativ, und widersteht dem sicher uncontrollable urge genauso cookie wie die Band selbst sein zu wollen.

57. The Perfect Neighbor NETFLIX

„The Perfect Neighbor“ ist eine Anklage gegen das amerikanische „Stand Your Ground“-Gesetz, das – vereinfacht gesagt – Waffengewalt erlaubt, wenn sich ein Grundbesitzer bedroht fühlt.

58. Islands

Letztlich wirft Jan Ole Gerster seine Protagonisten wieder zurück auf die Frage nach der Möglichkeit eines glücklichen Lebens – ein Antonioni im All-Inclusive-Resort – und ignoriert jene nach dem „wer war’s“. So wirkt „Islands“ weniger dringlich als er sein könnte, stellt aber bohrende Fragen nach dem wohin.

59. Das Licht

“Das Licht” ist zu lang, zu eso, zu wohlmeinend, zu cringe, zu ‘magical arab’, aber entgegen der vielen Verrisse hatte ich gut zwei Stunden lang doch großes Vergnügen mit dieser Parade an quasilebensunfähigen, wohlsituierten, politisch sich auf der richtigen Seite wähnenden Charakteren, die eine dysfunktionale Familie in Berlin bilden.

60. Schwesterherz

Die Frage im Kern von „Schwesterherz“: wie reagiert man, wenn dem geliebten Bruder eine Vergewaltigung vorgeworfen wird? Nichtwahrhabenwollen, Leugnen, Akzeptieren, Verurteilen? Ist Blut dicker als Wasser oder gibt es ein übergreifendes, neutrales Richtig Sein?

Die Vorjahressieger:

2024: Anora (USA, Regie: Sean Baker)

2023: Roter Himmel (D, Regie: Christian Petzold)

2022: The Worst Person In The World (NOR, Regie: Joachim Trier)

2021: Titane (F, Regie: Julia Ducournau)

2020: Enfant Terrible (D, Regie: Oskar Roehler)

2019: Midsommar (USA, Regie: Ari Aster)

2018: Hereditary (USA, Regie: Ari Aster)

2017: RAW (F/BEL, Regie: Julia Ducournau)

2016: Green Room (USA, Regie: Jeremy Saulnier)

2015: Victoria (D, Regie: Sebastian Schipper)

2014: Boyhood (USA, Regie: Richard Linklater)

2013: Upstream Colour (USA, Regie: Shane Carruth)

2012: Drive (USA, Regie: Nicolas Winding Refn)

2011: Submarine (UK, Regie: Richard Aoyade)

2010: Bad Lieutenant: Port Of Call – New Orleans (USA, Regie: Werner Herzog)

2009: Inglorious Basterds (USA, Regie: Quentin Tarantino)

2008: No Country For Old Men (USA, Regie: Joel & Ethan Coen)

2007: Ex Drummer (Belgien, Regie: Koen Mortier)

2006: Match Point (USA, Regie: Woody Allen)

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https://blogs.taz.de/popblog/2025/12/31/a-year-in-pictures-die-besten-filme-2025/

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kommentare

  • Die Eno-Produktion wird in der Doku recht genau in den Blick genommen. DEVO selbst sagen, dass sie damals „schwierig“ waren und sehr genaue Vorstellungen für eine junge Band und damit Eno kaum die Möglichkeit gegeben haben, sie zu verbessern.

  • Assoziation bezüglich Devo: Kürzlich habe ich irgendwo sinngemäß gelesen, dass sie ihr eigentliches Potential aufgrund ihrer Nerdigkeit nie wirklich auf die Straße bringen konnten. Ihre Eno-produzierte „Q: ARE WE NOT MEN?“ war ein absolutes Meisterwerk, aber Eno konnte ja nicht alle ständig an die Hand nehmen.

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