Archive for April, 2009

30.04.2009 von Christian Ihle
blogavatar

Schmähkritik (191): Sarah Kuttner

von Christian Ihle

Die Süddeutsche Zeitung über den Debütroman der ehemaligen Viva-Moderatorin Sarah Kuttner:

“Vor anderthalb Jahrhunderten dichtete Gottfried Keller: “Sei mir gegrüßt, Melancholie/Die mit dem leisen Feenschritt/Im Garten meiner Phantasie/Zur rechten Zeit ans Herz mir tritt!” Vor fünfzig Jahren lautete ein angesagter Romantitel immerhin noch “Bonjour tristesse”. Heute beginnt ein Buch, das umstandslos die Bestsellerlisten stürmt, mit dem Satz: “Eine Depression ist ein fucking Event!”

Der so spricht, ist ein Psychiater, und das lässt kurzzeitig hoffen, es möge sich beim Folgenden um eine Satire handeln. Aber in Sarah Kuttners Welt, das wird rasch offenbar, reden alle so, und zwar ununterbrochen. Wer den Code und das dazugehörige Milieu nicht kennt – das ist nicht unbedingt eine Altersfrage -, stolpert nicht bloß über staunenswert niedrige Peinlichkeitsschwellen, sondern verpasst auch die liebevoll ausgedachten Pointen, von denen die Erzählung lebt.
… weiter lesen

29.04.2009 von Christian Ihle
blogavatar

On My Stereo: April 2009

von Christian Ihle

Was dreht sich eigentlich so auf den Plattentellern des Popblogs, losgelöst von allen Release-Notwendigkeiten? On My Stereo:

Manic Street Preachers – Jackie Collins Existential Question Time

YouTube Preview Image

Interessiert es eigentlich noch jemanden, dass die Manic Street Preachers immer noch weiterspielen? Wenn nicht: jammerschade. Die verbliebenen drei Waliser haben die Gedichtbüchlein des auf immer verschollenen ehemaligen Bandmitglieds Richey Edwards geplündert und veröffentlichen im Mai ein kompromissloses, raues Werk, das begeistert wie kein Manics-Album seit Jahre mehr.

The Kinks – Harry Rag

YouTube Preview Image

Aus der Reihe: deutsche Punkgrößen bennen sich nach englischen Songs – Harry Rag, Sänger und Gitarrist von S.Y.P.H., nahm sich die britischste aller britischen Bands zum Vorbild und nannte sich nach dem zu Unrecht weniger bekannten Kinks-Song “Harry Rag” aus dem Album “Something Else”.

The Clash – Janie Jones
… weiter lesen

28.04.2009 von Christian Ihle
blogavatar

Album des Monats März / Platz 1: Pet Shop Boys – Yes,

von Christian Ihle

Die Pet Shop Boys sind zurück! schallte es und in den letzten Wochen und Monaten aus allen möglichen Zeitschriften entgegen. Gerechtfertigte Begeisterung, aber: sie waren doch nie weg? Wenn die Pet Shop Boys in ihrer langen Karriere jemals einen Tiefpunkt zu überwinden hatten, dann liegt dieser auch schon wieder ein Jahrzehnt in der Vergangenheit. Das unausgereifte Album „Nightlife“ ließ für kurze Zeit an Ihrer Unfehlbarkeit zweifeln, doch das damalige Comeback war eine Überraschung. Da die Pet Shop Boys wohl die einzige Band auf der Welt sind, die mehr verkleidet aussehen, wenn sie Jeans und Strickpullover anstelle von orangenen Ganzkörperanzügen mit Kegelhüten tragen, war das Gelingen des Post-„Nightlife“-Albums mit Akustikgitarren namens „Release“ die eigentliche Sensation. Bereits mit „Fundamental“ kehrten Tennant und Lowe 2006 jedoch wieder zum klassischen Pet-Shop-Boys Sound zurück: großer Pop, manchmal reduziert („Minimal“), manchmal überbordend („Integral“), immer gut.

yes
… weiter lesen

27.04.2009 von Christian Ihle
blogavatar

Der FC Bayern feuert Klinsmann oder Back to the future: Heynckes vs. Daum

von Christian Ihle

Der Komödienstadl aus Süddeutschland hat wieder zugeschlagen: nicht nur entlassen die Bayern Jürgen Klinsmann bei drei Punkten Rückstand auf den Tabellenführer, nein, noch besser, sie verpflichten Jupp Heynckes als Ersatz. Die zwei wichtigsten Fragen vorne weg: Was ist los, hatte Udo Lattek keine Zeit? Und bringt Jupp wenigstens die Buddha-Figuren zurück?

Die Wiedervereinigung von Heynckes mit Hoeneß ist eine schöne Gelegenheit, an eine der Sternstunden des deutschen Fernsehens zu erinnern, als der junge Christoph Daum mit seinem 1. FC Köln Hauptkonkurrent (die ganz alten werden sich vielleicht noch ungläubig erinnern…) des FC Bayern war und Daum versuchte, die Hoeneß’sche Taktik der verbalen Gegnerzermürbung einmal auf den FC Bayern anzuwenden. Am Ende des Tages hatten zwar Hoeneß, Heynckes und Bayern die Nase vorn, aber dennoch zieht man noch heute den Hut vor Daum, der wie niemand vor oder nach ihm gewagt hatte, sich wildsaugleich an der bayrischen Eiche zu schaben. Schade, dass Daum in diesem Jahr bereits gegen Bayern gewonnen hat, so dass eine Neuauflage dieser legendären Gesprächsrunde leider nicht stattfinden wird:

YouTube Preview Image
… weiter lesen

26.04.2009 von Christian Ihle
blogavatar

Schmähkritik (190): “Hart aber fair”

von Christian Ihle

“Besonders sichtbar wurde diese Taktik am 21. Januar 2009 beim Thema “Blutige Trümmer in Gaza – wie weit geht unsere Solidarität mit Israel?”. (…) Die Sendung entglitt schließlich ganz, und den einzigen Lichtblick, wie übrigens in vielen hart aber fair – Sendungen, bot die Redakteurin Brigitte Büscher, die die Zuschauerkommentare Woche für Woche nicht nur vorträgt, sondern auch analysiert und einordnet. Klug aber freundlich könnte eine Sendung mit ihr heißen.

Hart aber fair jedenfalls als Antwort auf die Substanzlosigkeit des politischen Diskurses zu begreifen ist ungefähr so absurd, wie eine Quizsendung für die Antwort auf die Pisa-Studie zu halten. Die inszenierte Pseudowahrhaftigkeit, die der Eitelkeit der Politiker Einhalt gebieten soll, speist sich aus der subversiven Kraft der eigenen Eitelkeit, die “besser nachfragen” will. Es ist eine sonderbare déformation professionelle, wenn der journalistische Ehrgeiz sich vor allem darauf konzentriert, kritisch auszusehen, wenn komplexe Fragen unterkomplex präsentiert werden, damit sie dann mit “richtig” und “falsch” beantwortet werden können. Es kann nicht mehr lange dauern, bis der Multiple-Choice-Kasten von Wer wird Millionär? per Knopfdruck von Plasbergs Stehpult aus eingeblendet wird und die Antworten mit roten und grünen Lämpchen bewertet werden. … weiter lesen

25.04.2009 von Christian Ihle
blogavatar

Schmähkritik (189): Gesine und die Gewerkschaftler

von Christian Ihle

Zwei Schmähkritiken über Polit-Talkshows innerhalb weniger Tage vom gleichen Autor? Wird’s da nicht ein bisschen öde? Ja, vielleicht, andererseits schießt der gute Reinhard Mohr hier so schön übers Ziel hinaus, dass man ihn doch zitieren möchte (und am besten auch gerne wissen, welche Getränke der Gute so zu sich nimmt, während er aus beruflichen Verpflichtungen Nacht um Nacht der Qual von Polittalkshows ausgesetzt ist. Reinhard Mohr – der Oliver Kalkofe des bourgeoisen Online-Feuilletons):

“Gesine “Schnatterinchen” Schwan, die famose sozialdemokratische Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, wollte da keinesfalls zurückstehen und datierte den sozialen Aufstand schon mal punktgenau auf Juli/August 2009: In zwei oder drei Monaten könnte die “Wut” der Leute “deutlich” angewachsen sein. Irgendwann würden die “Halteseile reißen”, sagte sie der “Frankfurter Rundschau”. Na wunderbar. Vielleicht können wir uns dann die blöde Bundestagswahl am 27. September ganz sparen und gleich einen revolutionären Wohlfahrtsausschuss à la Robespierre einrichten.

Und leise rattert die Guillotine am Gendarmenmarkt. … weiter lesen

24.04.2009 von Christian Ihle
blogavatar

Album des Monats März / Platz 2: The Rakes – Klang!

von Christian Ihle

It’s Blitz! It’s Klang! Die internationalen Indierockacts gefallen sich im März offensichtlich darin, deutsche Albumtitel aufzunehmen. Nach „It’s Blitz“ der Yeah Yeah Yeahs kommen die Rakes mit „Klang!“ um die Ecke. Der Musikhistoriker denkt natürlich zuvorderst an die Kling Klang Studios in Düsseldorf – doch weit gefehlt, Kraftwerk’sche Anleihen haben auf dem dritten Rakes-Album nichts verloren. Im Gegenteil: hatte das unterschätzte zweite Album zaghaft den Weg in Richtung Disco eingeschlagen, so läuft man nun wieder rückwärts auf den eckigen Punk des Debütalbums zu.

klang
… weiter lesen

23.04.2009 von Christian Ihle
blogavatar

Im Plattenregal im März (2): Yeah Yeah Yeahs, The Decemberists

von Christian Ihle

Yeah Yeah Yeahs – It’s Blitz

YYY

Als Peaches vor drei Jahren mit „Cheated Hearts“ einen Song des zweiten Yeah Yeah Yeahs – Albums geremixt hatte, muss die Artpunk-Band aus Brooklyn aber höchst angetan gewesen sein! Wie sonst ist zu erklären, dass die drei New Yorker auf ihrem neuen Album „It’s Blitz“ radikal (fast) alle Gitarren hinauswarfen und Synthiefläche über Synthiefläche stapelten – genauso wie es Peaches eben mit ihrer Version von „Cheated Hearts“ gemacht hatte.
… weiter lesen

22.04.2009 von Christian Ihle
blogavatar

Schmähkritik (188): Sabine Christiansen (2)

von Christian Ihle

“Da war sie wieder auf dem Schirm, aus “Gründen der Aktualität” sogar zwei Tage früher als geplant. Zwar sehr spät, um 23.15 Uhr, und “nur” auf dem Nachrichtenkanal n-tv, also mit einem Eishauch sibirischer Michel-Friedman-Verbannung, aber immerhin. Sabine Christiansen, viele Jahre lang die Talking Queen des deutschen Fernsehens, ist zurück. (…)

Christiansens Stimme, immer schon ein wenig metallisch, dabei gern ins geschmiert Messerscharfe changierend, scheint in den vergangenen beiden Jahren noch härter geworden sein. (…) Das Publikum saß derweil in Reih und Glied und erinnerte unwillkürlich an einen nordkoreanischen Parteitag. Auch die fünf – selbstverständlich ausnahmslos männlichen – Gäste wirkten merkwürdig aufgereiht. Allerdings konnten sie sich hinter schicken Pulten verschanzen. In der Mitte thronte Oberstudienrätin Christiansen. Ein Gruppenbild mit Domina. … weiter lesen

21.04.2009 von Christian Ihle
blogavatar

Schmähkritik (187): Der Film “Liebe auf den zweiten Blick”

von Christian Ihle

“Emma Thompson und Dustin Hoffman verbindet zwar Großmimen-Status (…) aber man weiß schon, warum Regisseur Hopkins es nicht einmal zum Kuss zwischen den fusselig geredeten Lippen der beiden kommen lässt: Man will es einfach nicht sehen, weniger der 22 Jahre Altersunterschied wegen, sondern weil Hopkins vollkommen unfähig ist, seine Geschichte, Bilder und Schauspieler sinnlich aufzuladen.
Er hakt die Stationen des biedersten aller Genres mit einer Zusatzportion Biederkeit ab, die der Moral seiner Geschichte spottet. … weiter lesen