vonChristian Ihle 30.07.2008

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Seit den frühen Tagen des Popblogs sammeln wir immer wieder die schönsten Verrisse, Disse und Kritiken, die der Blätterwald zu bieten hat. Unsere Rubrik „Schmähkritik“ wird nun 100 – Zeit, für einen kleinen Rückblick.

Die wohl schönste und längste Schmähkritik in der Geschichte des Popblogs schrieb Peter Richter in der FAS über den Kabarettversuch von Norbert Blüm und Peter Sodann. Der einleitende Satz zu diesem Fegefeuer an Humorkritik kann noch nicht einmal ansatzweise widerspiegeln, was Richter im Folgenden vom Stapel lässt, ist aber dennoch als Appetitmacher geeignet: „Stellen Sie sich am besten starke körperliche Schmerzen vor: eine derart quälende Pein, dass Sie sich mit dem Kopf voran vom Rang ins Parkett stürzen möchten vor Verzweiflung. Stellen Sie sich das bitte vor – und Sie haben immer noch keine Ahnung, was für ein Horror das war.“. Die an schönen Stellen reiche Besprechung findet ihren Höhepunkt in einem stattlichen NPD-Vergleich – „Von einer NPD-Versammlung unterscheidet sich diese Veranstaltung im Grunde nur dadurch, dass NPD-Mitglieder wenigstens wissen, dass sie rechtsradikal und ressentimentgetrieben sind.“ – oder vielleicht doch in dieser Totalkritik? „Sodann ist eine selten so kompakt anzutreffende Verdichtung von Talentlosigkeit, Einfältigkeit, Arroganz, Selbstgerechtigkeit, Besserwisserei, Neid, Ressentiments, Borniertheit, Taktlosigkeit und Larmoyanz. Sodann hat alles, was man Ossis so vorwirft, plus das, was Ossis an Westlern hassen. Sodann ist ein One-Man-Kabarett, er weiß es nur nicht.“ (Schmähkritik Nr. 31).

Natürlich konnten nicht alle Schmähkritiken zu derart langen, ausformulierten Wuttiraden werden, manchmal genügte schon ein lapidarer Satz eines streitbaren Musikers über die heilige Kuh von nebenan, der dann aber auch wirklich alles sagte, was einmal gesagt werden musste. „Arcade Fire? Fucking jugglers’ music”, so Nicky Wire (Schmähkritik Nr. 61). Überhaupt ist der gute Nicky Wire, der ja seines Zeichens bereits in den frühen 90ern einmal REM – Michael Stipe Aids an den Hals wünschte, auch im Jahr 2008 immer noch nicht leise geworden und schafft es so gleich viermal – und damit so häufig wie kein anderer Prominenter – in unsere Schmähkritik (Schmähkritiken Nr. 59, 62, 72).

Am häufigsten Gegenstand einer Schmähkritik wurde hingegen Mario Bart. Auch das hatte seinen Grund (Schmähkritik Nr. 50 und 51).

Mario Barth ist zudem ein schönes Beispiel, wie in einem Lob für einen Kollegen der eigentliche Diss versteckt ist – denn wer Appelt lobt, muss Barth ertragen haben (Schmähkritik Nr. 54).

Mithalten kann da nur noch der Mann, der Deutschlands einzige Late-Night-Show, für die man sich vor dem Ausland nicht schämen musste, erfolgreich ruinierte. Zwar muss er sich eine Schmähkritik mit dem alten Herrn an seiner Seite teilen, die in dem schönen Satz „Lustiger wär’s, wenn’s lustiger wär’“ kulminiert (Schmähkritik Nr. 49), zwei weitere bringt der „Fratzenminimalist“ (Schmähkritik Nr. 13) Pocher aber selbst in die Rechnung mit ein (Nr. 15).
Einmal weniger ist der „luziferisch leutselige Quatschkarton“ Johannes B. Kerner vertreten (Schmähkritik Nr. 46 und 91), dessen Fußball-Sidekick Urs Meier aber nicht minder geschmäht wurde (Schmähkritik Nr. 92).

Nicht nur Fernsehen und Musik bieten sich für Hasstiraden an, auch über Fußball kann man sich echauffieren, dass der Hut wegfliegt. Selbst das dem feinen Florettstich eher unverdächtige Kicker Sportmagazin kann da manchmal subtil verzweifelnd auf eine Mannschaft eindreschen (Schmähkritik Nr. 75). Das schöne am Fußball ist letzten Endes aber seine Internationalität: da schimpfen Engländer über Landsmänner (Schmähkritik Nr. 8), Schotten lachen über deutsche Torhüter aus Bierbraustädten (Schmähkritik Nr. 67) und Österreicher einfach generell über Torsteher (Schmähkritik Nr. 90): “Was willst mit einem, der bei 30 Grad im Schatten Handschuhe trägt“. Recht hat er, der Herr Ogris.

Morgen dann: wie die Überbringung von Schmähkritiken Schmähungen nach sich ziehen kann. Call us Hiob!

Weiterlesen:
Teil 3: Alle Schmähkritiken

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https://blogs.taz.de/popblog/2008/07/30/100_jahre_schmaehkritik_teil_1/

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