Archive for the ‘Interviews’ Category

25.10.2011 von Christian Ihle
blogavatar

Ja, Panik – Interview (2): “Aber ich will gar nicht, dass das System gerettet wird, ich will ja, dass alles untergeht!”

von Christian Ihle

Der zweite Teil unseres Interviews mit Andreas Spechtl, dem Sänger und Songwriter von Ja, Panik. Haben wir in Teil 1 vor allem darüber gesprochen, wie eine Band sich im Musikbusiness bewegen kann, ohne ihren eigenen Idealen untreu zu werden, sprechen wir nun mit Spechtl über die Art, wie er Texte schreibt, welche Referenzen er in seinen Lyrics zieht und welchen politischen Standpunkt er einnimmt:

YouTube Preview Image
.

Der größte Unterschied zwischen den Aufnahmen eurer neuen Platte und ihrer Livepräsentation ist, dass bei „Nevermind“ von jedem Bandmitglied „seine Strophe“ gesungen wird. Woher kam diese Idee? Und warum hast auf Platte doch du alle Strophen übernommen?

Andreas Spechtl (Sänger und Songwriter von Ja, Panik): Die Idee war von Hans Unstern, der bei unseren Konzerten das Licht macht. Am Anfang waren wir skeptisch, weil es ja eigentlich auch keinen Sinn ergibt, denn jedes Bandmitglied singt ja über sich – also in der dritten Person…

…sozusagen Lothar Matthäus Style!

Spechtl: …aber wir haben festgestellt, dass es live toll funktioniert. Es ist beinahe wie bei einem Jazz-Konzert, bei dem jeder nach seinem Solo Szenenapplaus bekommt.

Denkst Du dann im Rückblick, dass ihr das auch auf Platte das schon so hättet aufnehmen sollen?

Spechtl: Das ist schon ein arges Liveding, weil man das Gesicht zur Stimme vor sich hat – da ist es dann auch weniger wichtig als auf Platte, wenn die anderen Bandmitglieder nicht alle wie ein Lercherl singen können.

YouTube Preview Image
.

Die Großstadt und die Vereinzelung ist ein beherrschendes Thema auf der Platte – ist das für euch in Berlin spürbarer, erfahrbarer geworden als eurer vorherigen Heimatstadt Wien?

Spechtl: Das Interessante an der Vereinzelung durch die Großstadt ist ja die Gleichzeitigkeit des Versprechens von Nähe, dieses Riesenhaufens von Menschen, die sich aber immer fremder werden und dass die moderne Gesellschaft immer mehr Möglichkeiten zum Rückzug bietet. Es ist eine Dialektik der Kommunikation: einerseits kannst du immer alle erreichen, mit jedem immer reden, aber du musst dafür niemanden mehr treffen. Du sitzt zuhause und hast mehr Kontakt mit Menschen, hast aber im selben Moment weniger physischen Kontakt. Es kommt zusammen und zerfällt gleichzeitig.
Man darf aber auch nicht romantisch aufs Dorf schauen. Wenn ich heim ins Burgenland fahre, nach Deutschjahrndorf, und die alten Frauen hinter den Vorhängen durchschauen und sofort wieder zumachen, wenn sie mich sehen, dann ist das auch keine schönere Welt.

Entwickelt sich da bei Dir ein Kulturpessimismus hinsichtlich des Internets, Facebooks?

Ich bin sicher kein Kulturpessimist. Es geht darum, wie der Fortschritt begriffen wird, wie er verwendet wird. Der Fortschritt hat eine sehr emanzipatorische Seite, kann aber ins Gegenteil verkehrt werden. Das ist wie der Adorno-Klassiker mit der Aufklärung, dass die Aufklärung in einseitiger Handhabung auch in die Barbarei zurückfallen kann.
Man muss in jedem Moment fragen: Wem nützt es? Warum passiert es? Wie wird es angewendet? Sich diese Fragen zu stellen, schützt einen davor zu einem bornierten Kulturpessimisten zu werden.
Die Befreiungs- und Unterdrückungsmethoden sind sich wahnsinnig ähnlich. Mir geht’s um die Verwendung von Dingen, also ums wie.

Generell arbeiten Deine Texte oft mit Zitaten und Referenzen. Läuft das auf einer bewussten Ebene, dass du Lieder hörst, Bücher liest und Dir denkst, genau die Stelle will ich in einen meiner Songs einbauen? Oder verarbeitest du in Deinen Texten einfach unterbewusst, was Du vorher aufgenommen hast?

Spechtl: Früher habe ich mir arg alles aufgeschrieben, war sehr akribisch. Bei dieser Platte wollte ich das gerade ändern, ich wollte sehen, was eigentlich bleibt, wenn ich mir nichts aufschreibe. Wollte sehen, was mich prägt, beeinflusst, was ich gefiltert wieder ausstoße ohne mir wie früher pedantisch eine Notiz mit einem „Einbauziel“ zu machen.
Bei den alten Platten hatte ich mir vorher in einem Hefterl alles aufgeschrieben, was mir gefallen hat und habe beim Texteschreiben dann nachgesehen, was zu dem jeweiligen Song passen würde. Wobei es sehr wenige 1:1 – Zitate bei Ja Panik gibt, ich erlaube mir fast immer eine Änderung, oft sogar eine Umkehrung des Inhalts, wo nur noch Satz und Wörter als Assoziation bleiben.

Baust Du die Referenzen dann bewusst ein, dass der Hörer sie wahrnehmen kann, damit sie Assoziationen bei ihm auslösen?

Spechtl: Einerseits macht es natürlich Spaß, Referenzen durch den Kontext ins Gegenteil zu verkehren, das hat eine humoristische Seite. Manchmal ist es auch ein Fährtenlegen: wenn Du – gerade bei alten Ja Panik – Songs, die inhaltlich etwas vage waren – eine Referenz als Hörer erkannt hast und weißt, wo es hergekommen ist, war darin der Schlüssel, zu erkennen, wie das Lied eigentlich gemeint war. Der Inhalt des Liedes wurde also durch den Kontext der Referenz erst verständlich. Wie eine Überschrift für einen Song.
Meine Arbeitsweise war früher, dass ich den halben Tag gelesen, dann einen Joint geraucht und mich dann ans Texten gemacht habe – so dass in den Lyrics das vorher gelesene wieder auftaucht. Bei der neuen Platte habe ich versucht so zu tun als wäre alles von mir – was natürlich eh eine Lüge ist – um danach selbst zu schauen, was sich eigentlich in einem festsetzt, im Gegensatz dazu dass ich mich vorher gezielt damit gefüttert habe, um einen Kommentar in Liedform dazu abzugeben.

Da ich gerade Der Kommende Aufstand lese, stolpere ich immer wieder über Stellen, die mich an Deine Texte erinnern. Zum Beispiel „So ruft man einerseits die Gespenster ins Leben, und lässt andererseits die Lebendigen sterben“ in Der Kommende Aufstand bzw. „Man ruft Geister hier ins Leben, die Lebendigen, die gräbt man ein und schimpft sie Terroristen, Deserteure, nichtsnutzige Tagediebe“ in DMD KIU LIDT. Ich nehme an, du hast das Buch auch gelesen?

Spechtl: Ja, stimmt, das habe ich gelesen. Und der Text von DMD KIU LIDT beruht auf einer ähnlichen Idee wie das Buch. Ich fand es aber auch lustig, weil ich schon in „Die Luft ist dünn“ (vom The Angst & The Money – Album, Anm.) Bezug nehme auf eine Stelle aus dem Sophokles-Drama Antigone, in dem der Bruder unbeerdigt im Freien liegt und Antigone bittet, die Toten einzugraben, aber letztenendes sie ins Kellerverlies geschlossen wird. Bei Sophokles gibt es also auch eine Stelle, in der es darum geht, dass man die Toten ein- und die Lebendigen ausgraben soll – das ist eine sehr ähnliche Idee und ein schöner Gedanke, der sich auch gesellschaftlich anwenden lässt.

Wie ist deine Meinung denn zu Der Kommende Aufstand?

Spechtl: Ich stehe jetzt nicht inhaltlich völlig hinter dem Buch, aber es hat mich eine ganze Zeit lang beschäftigt. Es ist interessant, aber ich war auch belustigt wie viel Aufmerksamkeit es jüngst bekommen hat, weil es ja eigentlich schon so wahnsinnig alt ist…

… eigentlich wurde es 2006/2007 geschrieben…

Spechtl: …und ist 2007 in Frankreich herausgekommen, dann in England erschienen. Es gab ja auch schon ein Jahr vor der hiesigen Veröffentlichung eine deutsche Übersetzung, die ich damals schon aus dem Internet hatte.
Ich war überrascht, wie ernst das Buch genommen wurde. Ich kann da viel Humor aber auch viel falsche Romantik, viel Situationismus, aber auch wahnsinnig viel „ich weiß es besser“ – Bürgerlichkeit herauslesen. Auch viel Optimismus, an den ich leider nicht glaube. Einerseits rufen sie ja zum kommenden Aufstand auf, andererseits sagen sie aber auch, wir müssen ja gar nichts tun, es wird alles von selbst passieren. Das Buch sagt ja, dass alles den Bach hinuntergeht und wir deshalb sowieso vor einer neuen Weltordnung stehen. Der Kommende Aufstand hat viel von Foucault und sie haben natürlich ihren Marx gelesen.
Prinzipiell ist das schon eine mir nahe Denkform, denn als die Waffe der Kritik funktionieren ja noch immer Marx und die Poststrukturalisten. Was angestrebt wird, erliegt dagegen schon einer romantischen Verklärung. Einer ihrer selbst praktizierten Lösungen, der Rückzug aufs Land, ist einfach kein Ausweg und das kann man dem Kommenden Aufstand auch ankreiden. Seine Autoren, Das unsichtbare Komitee, hatten eine Landkommune, einen Biobauerhof – das ist natürlich auch wahnsinnig bürgerlich, das musst du dir erst einmal leisten können. Das ist nicht anders als wenn die Frau vom österreichischen Finanzminister sagt: „In der Wirtschaftskrise sollen die Bürger doch auf ihrer Dachterasse Gemüse anbauen“…

…was ja fast schon was von Marie-Antoinette hat…

Spechtl: …sie meint das auch wirklich ernst. Sie, im ersten Bezirk in Wien, auf ihrer 120 Quadratmeter Dachterasse kann sich natürlich schön ein paar Radieschen und Erdäpfel anbauen und dann bequem die anderen dazu aufrufen, auch ihre „Dachterrassen“ für die Selbstversorgung zu nutzen…
Am Kommenden Aufstand merkt man, dass es ein Buch eines rich kids ist. Er hatte Zeit sich zu bilden, sich zurückzuziehen. Die Antihaltung des Buches, das Fuck Me, das Sich-Neben-Die-Ordnung-Stellen weckt immer Skepsis in mir. Ich frage mich immer, warum kann der- oder diejenige das so hart behaupten? Warum ist er oder sie nicht in diesem wahnsinnigen Verwertungskreislauf gefangen? Und leider Gottes ist es wahnsinnig oft so, dass das eben die gutsituierten Kindern sind. Marx hatte seinen Engels, der ihm die Scheinchen zugesteckt hat, Walter Benjamin stammt aus einer „guten Familie“, die ganze Frankfurter Schule waren alles „bessere Kinder“. Im Musikerumfeld ist es nicht anders, die ganzen Bohèmen genauso: du brauchst die finanziellen Mittel, um überhaupt auf die utopischen Auswege zu kommen. Ich habe grundsätzlich Sympathie dafür, aber vor dieser Frage gehen alle in die Knie.

Aus welchem familiären Background kommst Du eigentlich?

Spechtl: Ich bin zwar kein „Arbeiterkind“, aber mein Vater ist semi-erfolgreicher Künstler, meine Mutter Lebenskünstlerin – finanziell ging sich da also nie viel aus…

Aber Du kommst vom Land?

Spechtl: Meine Eltern sind zwar beides Wiener, sind aber ins Burgenland gezogen als sie Kinder bekommen haben, nur um sich dann gleich scheiden zu lassen. Ich hatte eher diffuse Familienverhältnisse, wurde von meiner alleinerziehenden Mutter oder eben den Großeltern aufgezogen.

Seit unserem letzten Interview zu Beginn des Jahres hat sich politisch einiges verändert, zugespitzt. Die Krise des Kapitalismus verschärft sich, in Spanien und Griechenland geht die Jugend auf die Straße, um zu demonstrieren. Kommt das herrschende System zu einem Ende oder bleibt es doch nur wie ‘68 bei einem kurzen Aufschrei der Jugend?

Spechtl: Ich stelle mir 68 wilder und kompromissloser vor – wobei ich das sicherlich auch verkläre. Schau nach Spanien, worum es der „Bewegung der Empörten“ eigentlich geht: sie wollen einen Teil vom Kuchen, ohne dass sie das System derart in Frage stellen wie es noch die 68er getan haben. Spanien ist doch ein Schrei nach einer menschlicheren Ausbeutung!

Du meinst, als ob sie sagen würden: „Wir haben alles getan, um fürs System nutzbar zu sein – und jetzt wollt ihr uns nicht nutzen?!“

Spechtl: Genau: „Jetzt habt’s ihr mich zugerichtet! Ich bin das Werkzeug, als das ihr mich haben wollt und jetzt gibt es keine Schraube mehr für mich, die ich drehen darf, um entlohnt zu werden“. In Griechenland war es dagegen gleich von Anfang an – egal wie man dazu jetzt steht – gewalttätiger, oppositioneller. Ich hatte dort mehr das Gefühl, dass es zwei Fronten gab.
In letzter Zeit habe ich mir auch einige Polit-Talkshows angesehen, woran man wirklich verzweifeln kann. Alles ist so sinnlos, alles dreht sich im Kreis. Es wird eine Strategie gesucht, wie „gerettet“ werden kann. Aber ich will ja gar nicht, dass gerettet wird, ich will ja, dass es untergeht! So eine Meinung kommt natürlich gar nicht vor.
Meine Furcht ist, dass die Krise unserer Zeit, die materielle und finanzielle Sorge, in eine andere Richtung losgeht, in den Totalitarismus, faschistische Tendenzen, eine Aufgabe der Toleranz.
Wenn Du Dir die 30er Jahre anschaust, so etwas siehst Du jetzt auch wieder in Europa. Zwar ist es nun wieder mögliche, auch genuin linke Positionen im Medienmainstream zu vertreten und zu hören, aber andererseits schaut man Europa dabei zu, wie es immer rechter wird.
Ich weiß nicht, wie dieses System zu Ende gehen wird, aber ich bin so großer Pessimist, dass es auch „falsch“ zu Ende gehen kann – wenn ein Stein ins Rollen kommt, kann das auch schnell gehen. Ich habe das Gefühl, man sucht schon wieder nach einem „starken Mann“, weil sich niemand an ein Ende denken traut, weil niemand so weit gehen will, dass er sagt „unsere Weltordnung ist gescheitert“ – solange man noch „retten“ will, wird immer der Schrei nach eben einem Retter, einem Führer aufkommen.

Selbst bei Angela Merkel geht ja auch die vorgebliche „Alternativlosigkeit“ in diese Richtung, weil das eigentlich urdemokratische Prinzip der Diskussion und des Ideenwettstreits damit ausgehebelt wird.

Spechtl: Das ist die schrecklichste Form eines Positivismus. Diese Alternativlosigkeit ist sowas Dummes! Da werde ich zu einem Pessimisten, zu einem … weiter lesen

20.10.2011 von Christian Ihle
blogavatar

Interview mit Ja, Panik (1): “Wenn ich zu Stefan Raab gehe und ihm dort auf seine blöde Ledercouch scheiße, ist das vielleicht subversiv, aber wir werden trotzdem mehr Platten verkaufen”

von Christian Ihle

Die Gruppe Ja, Panik hat das wohl beste, mit Sicherheit aber interessanteste Album des Jahres veröffentlicht. Die gebürtigen Österreicher und jetzigen Wahlberliner sehen die eigenen Befindlichkeiten im Gegensatz zu den meisten deutschsprachigen Indierockbands nicht als Herzstück ihrer Texte, sondern arbeiten sich auch an politischen Themen ab.

Mit dem neuen Album haben Ja, Panik eine etwas größere Bekanntheit erreicht und stehen nun vor der Frage, wie sie mit ihren eigenen Ansprüchen umgehen sollen. Kompromisse machen, um von noch mehr Menschen gehört zu werden? Oder sich lieber dem „Mainstream“ verschließen und nur zu den bereits Bekehrten predigen? Ist eine Teilnahme an einer Stefan-Raab-Sendung heutzutage ein Muss für eine Indieband – oder kann man auch ohne Raab ein Auskommen finden? Im Interview beschäftigt sich Ja, Panik -Sänger und -Songwriter Andreas Spechtl mit dieser Problematik und überlegt, welcher Weg der „richtige“ sein kann.

TAZ Popblog: Euer viertes Album DMD KIUweiter lesen

05.05.2011 von Christian Ihle
blogavatar

Interview mit Ja, Panik (2): “Das Konzept Rockband ist ein Auffangbecken für machoide, kleingeistige, trottelige, schwanzfixierte Idioten”

von Christian Ihle

Das größte musikalische Ereignis des Jahres kommt aus Österreich und wohnt in Berlin. Die Band Ja, Panik hat mit ihrem neuen Album “DMD KIU LIDT” in eingeschlägigen Kreisen bereits seit einiger Zeit die Gespräche beherrscht, wie man das bei einem deutschsprachigen Album zuletzt vielleicht zu Blumfelds “Old Nobody” – Zeiten beobachten konnte. Am gestrigen Abend spielten Ja, Panik unter dem Namen “The Troubles” im Berliner King Kong Club einen kleinen Geheimgig – und zum ersten Mal überhaupt alle Songs des neuen Albums. Hier ein Mitschnitt von “Run From The Ones That Say I Love You”:

YouTube Preview Image
.

Im ersten Teil unseres Interviews vergangene Woche (“Es sind schon unschuldigere Menschen als Merkel und Sarkozy getötet worden.”) hatten wir vor allem über das monumentale Titelstück des neuen Albums “DMD KIU LIDT”, das Konzept Heimat und Interviews mit rechtsnationalen Magazinen gesprochen. Sänger/Songwriter Andreas Specht und Bassist Stefan Pabst in dieser Woche über die “Erblinie der deutschsprachigen Musik”, Situationismus und die inflationäre Dummdreistigkeit im Musikgeschäft:

Popblog: Fändet ihr es vermessen, wenn man „DMD KIU LIDT“ hinsichtlich der möglichen Wirkung für deutschsprachige Musik auf eine Stufe mit den Mitt90er-Sachen von Blumfeld und Tocotronic stellt?

Andreas Spechtl (Sänger & Songwriter von Ja, Panik): Findest du die Sachen so relevant? Scherben und Fehlfarben sind nicht weniger relevant für ihre Zeit

Für mich ist die „Erblinie“ der deutschsprachigen Musik auch „Keine Macht für Niemand“ der Ton Steine Scherben, „Monarchie & Alltag“ von Fehlfarben und „L’Etat Et Moi“ von Blumfeld. Tocotronic dann durch die Idee, den Diskurs in einen Slogan zu packen – wo Distelmeyer die riesigen Schachtelsätze hatte, hat von Lowtzow eben den einen Satz, den einen Slogan geschrieben und damit auch eine größere Masse erreichen können. Deshalb denke ich schon, dass Blumfeld und Tocotronic in den 90ern enorm einflussreich waren, Leuchtfeuer für die deutsche Musik und sich viele – im Guten wie im Schlechten – daran orientiert haben.

Spechtl: Uns fehlt der Abstand, wir würden das nie so sagen. Das ist natürlich ein Kompliment, und freut einen.

Du hattest die späten Tocotronic mal in einem Fragebogen für das Popblog als „staubig“ bezeichnet.

Spechtl: Tocotronic hat mich eben mal so arg berührt und war wirklich wichtig für mich. Und gegen diese Konkurrenz muss jede neue Platte ankommen. Keiner will heutzutage mehr eine „Digital Ist Besser“ hören, die gab’s und das ist gut so. Das würde ihnen auch keiner mehr abnehmen.

Stefan Pabst (Bassist von Ja, Panik): Wenn man Tocotronic an dem misst, was es sonst gibt, dann ist es schön zu sehen, dass sie Nummer 1 in den Albumcharts sind. Sie sind nach wie vor eine der besten Bands.

Spechtl: Was mir immer noch Begeisterung abverlangt ist ihre Karriere. Die ist beispielhaft, integer. An einer neuen Tocotronic-Platte schätze ich in der Zwischenzeit mehr, dass die Band nie ihr Gesicht verloren hat als die Platte selbst.

Im einem Interview in der österreichischen Talkshow von Stermann & Grissemann stöhnst du über Eure Vorbands als „deutsche Nudelaugen“. Wen hattest du da im Kopf?

Spechtl: Es gibt wahnsinnig viele schlimme Jungsbands, mit denen man auftreten muss. Leider Gottes gibt es mehr Idioten als sympathische Leute und gerade das Konzept Rockband ist anscheinend ein Auffangbecken für machoide, kleingeistige, trottelige, schwanzfixierte Idioten. Das ist traurig, aber eben vielleicht auch ein Grund, warum Ja Panik so sind wie sie sind. Man ist ja auch selbst gerne Fan von einer Band und dem ganzen Rocknroll-Ding, mag das so wahnsinnig gern und ärgert sich deshalb jedes Mal wieder, was manche Leute daraus machen. Es gibt eine inflationäre Dummdreistigkeit in der Musikszene.

Du schreibst auch eine Kolumne für die Internetseite des österreichischen Radiosenders fm4. Dein erster Text hat mich stark an Situationismus und Guy Debords „Gesellschaft des Spektakels“ erinnert. Sind das Einflüsse? … weiter lesen

28.04.2011 von Christian Ihle
blogavatar

Interview mit Ja, Panik: “Es sind schon unschuldigere Menschen als Merkel und Sarkozy getötet worden”

von Christian Ihle

Das größte musikalische Ereignis des Jahres kommt aus Österreich und wohnt in Berlin. Die Band Ja, Panik hat mit ihrem neuen Album “DMD KIU LIDT” in eingeschlägigen Kreisen bereits seit einiger Zeit die Gespräche beherrscht, wie man das bei einem deutschsprachigen Album zuletzt vielleicht zu Blumfelds “Old Nobody” – Zeiten beobachten konnte.

ja panik

Letzte Woche ist das Album nun veröffentlicht worden und wir haben uns mit Andreas Spechtl und Stefan Pabst zum Interview getroffen um über Bombenandrohungen, Drogenaufforderungen, Situationismus, Rassismus und, ja, auch die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben, die die Traurigkeit ist, zu sprechen. Heute Teil 1 des Interviews:

Popblog: Ihr seid von Wien nach Berlin gezogen, was man auch an der einen oder anderen Stelle in den Texten eurer neuen Platte merkt. Hatte Berlin darüber hinaus einen Einfluss auf das Songwriting?

Andreas Spechtl (Sänger & Songwriter von Ja, Panik): Wir sind noch nicht richtig angekommen gewesen in Berlin als wir die Platte geschrieben haben. Ich finde, man hört der Platte viel mehr ein hermetisches Sichzurückziehen, ein arges „wir kommen zu Fünft in eine neue Stadt und ziehen uns erstmal in uns selbst zurück“ an.

Stefan Pabst: Die Umstände des Umzugs hatten mehr Einfluss als die Stadt selbst.

Spechtl: Zum Entstehungszeitpunkt der Platte sassen wir nächtelang zu fünft in der Wohnung und haben nur daran gearbeitet hat. Es ist als hätten wir uns völlig abgeschottet in eine Holzhütte im Wald zurückgezogen. Wir hatten in Berlin noch keine sozialen Verpflichtungen, keiner hat angerufen, wir waren ganz für uns, zu fünft.

Wie funktioniert das Songwriting bei Euch überhaupt? Andreas, Du schreibst die Texte allein, wird die Musik zusammen entworfen?

Spechtl: Ich schreibe schon grob den Song, aber der wird dann noch arg verändert. Du kannst es Dir so vorstellen: ich schreibe den Song, habe die Akkorde und die Melodie, wir nehmen ein Demo auf. Dann wird zu fünft zusammen daran gearbeitet: wir sitzen im Wohnzimmer am Computer und jeder trägt etwas bei. Es ist auch nicht so dass der Schlagzeuger sich das Schlagzeug ausdenkt und der Bassist sein Bassding, sondern eine gemeinsame Arbeit an allen Parts. Gerade auf dieser Platte gab es bei jedem Schlag, bei jedem Ton Diskussionen.

Ja, Panik – Trouble by Nein, Gelassenheit

Wie ist euer Status in Österreich was Bekanntheit oder Verkaufszahlen angeht im Vergleich zu Deutschland? Bekommt ihr mehr Beachtung, weil dann doch wieder so ein „das sind unsere Jungs“- Gedanke zum Tragen kommt?

Spechtl: Man hat Respekt vor uns, aber innerhalb Österreichs gibt es viel größere Bands als uns – die man aber in Deutschland eher nicht kennt, wie 3 Feet Smaller.
Aber es gibt auch ein paar gute Sachen aus Österreich – Clara Luzia zum Beispiel. Bei ihr kommen auch mehr Leute zum Konzert als bei uns.

Wir haben schon die Aufmerksamkeit aus Deutschland gebraucht, um in Österreich angemessen rezipiert zu werden, damit wir österreichische Aufmerksamkeit bekommen. In der Zwischenzeit ist es ambivalent: für die einen sind wir Staatsfeinde, Nestbeschmutzer und Verräter, weil wir ausgezogen sind nach Berlin, was uns manche immer noch übel nehmen.

Interessiert euch das Konzept Heimat? Sehr ihr euch als österreichische Band? Oder ist das für Euch ein widersinniges Konstrukt?

Pabst: Mit der Bezeichnung „österreichische Band“ kann ich gar nichts anfangen. Es ist sicher kein identitätsstiftendes Merkmal, dass wir Österreicher sind.

Bei Thomas Bernhard gibt es eine Stelle, in der er schreibt

„In Österreich musst du entweder erzkatholisch oder nationalsozialistisch sein. Alles andere wird nicht geduldet, alles andere wird vernichtet“

Gibt es dann – wie bei Bernhard zum Beispiel oft – das Gegenteilige, also einen Heimathass? Eine Abkehr von Österreich? Dagegen zu sein, für was Österreich – oder auch Deutschland im gleichen Maße – steht?

Spechtl: Ich finde das grundsätzlich schwierig, denn im Umkehrschluss ist man dann genau das, was man eben nicht sein will. Das ist ein ziemlich faschistischer Gedanke, womit Du ganz schnell wieder im Jahr 1940 bist, in dem es heißt „die Österreicher sind so, die Deutschen sind so, die Türken sind so und die Juden sind so“… Die Grenze verläuft für mich nicht bei Passau. Ich will nicht über Österreicher schimpfen, ich schimpfe über ganz bestimmte Personen. Sonst ist es im Kern erneut eine rassistische Denke.

Ihr hattet für die letzte Platte einem Internetmagazin namens „Die Blaue Narzisse“, das sich als zumindest rechtskonservativ herausgestellt hat, ein Interview gegeben.

Spechtl: Das war wirklich eine schlimme Geschichte. Das Label hat eine Interviewanfrage von einer „Schülerzeitung“ … weiter lesen

20.04.2011 von Christian Ihle
blogavatar

Interview mit Smith Westerns: “Bevor Nirvana uns verklagt, müssten wir erst mal mehr als 3.000 Platten verkaufen”

von Christian Ihle

smith westerns

Die Smith Westerns haben den Popblog mit ihrem nur auf Vinyl veröffentlichten Debütalbum im Sturm genommen – so viel Pophits in krachender Verpackung hatten wir eine lange Zeit nicht mehr gehört. Album Nummer Zwei, das erstmals auf einem halbwegs großen Label (Domino) und nun auch offiziell in Europa erscheint, zeugt von einer erstaunlichen Weiterentwicklung für eine Band, deren Mitglieder immer noch kaum 20 Jahre alt sind. Erheblich mehr der Idee eines “Albums” anstatt einer “Songsammlung” folgend und deutlich beeinflußt von psychedelischerem Sound der 70er ist “Dye It Blonde” ein anderes Biest als das selbstbetitelte Debütwerk. Grund genug, sich mit unserer Album-des-Jahres-2010-Band über die Weiterentwicklung zu unterhalten.

Popblog: Euer erstes Album hatte einen Garage-Rock- und Lo-Fi-Sound, aber auch da konnte man schon Spuren von Bowie und T.Rex-Songwriting heraushören. Für euer zweites Album “Dye It Blonde” habt ihr einen viel feineren, klareren Sound gewählt – war das eine bewusste Entscheidung?

Smith Westerns: Ja, wir wollten bewusst weg vom Sound des Debüts, wobei ich nie verstanden habe, wo man da einen Garage-Rock-Sound heraushört. Aber es stimmt: unser erstes Album war dreckiger, war unser Versuch wie eine Power-Pop-Band aus den 70ern zu klingen.

Durch das Älterwerden verbesserst du eben auch deine musikalischen Fertigkeiten, man hört neue Musik, ist mit anderen Bands unterwegs, denen du zuschaust und zuhörst, das alles hatte Einfluß auf den Sound des zweiten Albums. Wir wollten einfach ein Album machen, das wir selbst so richtig lieben können.

YouTube Preview Image
.

Popblog: Ihr mögt Euer Debüt nicht?

Smith Westerns: Naja, wir mochten es natürlich, als wir es geschrieben und veröffentlicht haben, aber wir sind jetzt schon ein wenig gelangweilt davon, die Songs wieder zu hören. Und jede Nacht spielen zu müssen. Wir hatten beim Debüt den Sound bewusst fuzzy gestaltet, ganz einfach weil wir so ein Scheiß-Equipment hatten, dass eine klarere Produktion total cheesy geklungen hätte. Also haben wir alle Instrumente so arg verzerrt, dass du gar nicht mehr hören konntest, wie billig die Teile waren… *lacht*
Aber auch das Debüt war schon eine Popplatte im Herzen, das war nicht einfach Akkorde runterreißen und ein wenig auf dem Schlagzeug trommeln wie das viele Lo-Fi-Bands heute machen.

Popblog: Hattet ihr euch denn je Sorgen gemacht, dass das neue Album zu glatt klingen könnte im Vergleich zur Verzerrerattacke des Debüts?

Smith Westerns: Von der ersten Platte haben wir 3.000 Stück weltweit verkauft, also ist die Gefahr nicht so groß, dass viele Leute Erwartungen an uns haben *lacht*
Wir sind schon eine richtige grassroots-Band: das Debüt wurde nur auf Vinyl gepresst, keine CD, wir hatten ein Indielabel aus Chicago, nie eine richtige Europa-Veröffentlichung, ja, wir hatten nicht einmal ein offizielles Release-Datum. Die Platte war einfach irgendwann da, dann hat Pitchfork über uns geschrieben, wir sind mit Girls auf Tour gegangen, dann mit MGMT… gerade auf Tour mit den beiden zu sein, hat uns eine Idee gegeben, was wir mit unserem Sound in Zukunft machen wollen.

YouTube Preview Image
.

Wenn manche jetzt sagen, sie mögen das neue Album nicht, weil es “glatter” klingt, dann verdienen sie es eh nicht, das Album zu hören. Sie können das erste Album haben und tschüss…

Ich selbst würde auch nicht Bands zuhören wollen, die das immergleiche Album wieder und wieder veröffentlichen, die einfach den gleichen Song in verschiedenen Geschwindigkeiten und unterschiedlichen Tonarten aufnehmen!

Popblog: Wurdet ihr denn bisher schon dafür kritisiert wie ihr jetzt klingt?

Smith Westerns: Nein, ich glaube dass die Leute, die nur Lo-Fi-Musik hören eh auf keine Konzerte gehen, ihr Zimmer nicht verlassen und nur illegal Alben herunterladen *lacht*

Popblog: Beim Cover-Artwork des Debüts habt ihr das Cover von Nirvanas “Nevermind” zerschnitten und benutzt. Habt ihr da je Ärger mit Nirvana bekommen?

Smith Westerns: Wir haben nicht genug Platten verkauft, dass sich jemand dafür interessiert hätte. Courtney Love würde wahrscheinlich anfangen, uns zu verklagen, wenn wir 15 Millionen Platten verkaufen…

Popblog: Wie ihr schon erwähnt habt, seid ihr bereits ziemlich früh als Vorband von Girls, Jay Reatard oder MGMT aufgetreten. Wie kam es dazu?

Smith Westerns: Im Grunde durchs Internet. Girls waren Vorband von Los Campesinos! Gareth von den Campesinos hat einige Songs von uns online gehört und uns eine Nachricht geschrieben, ob wir nicht auch mit ihnen auftreten wollen – so haben wir dann eben Girls kennengelernt, die uns wiederum auf ihre nächste Headline-Tour mitgenommen haben. Girls sind wirklich gute Freunde von uns.

Popblog: Gibt es denn auch eine aktuelle Band, die ihr als Vorbild betrachtet?

Smith Westerns: MGMT sind die beste Band, die es derzeit gibt. Sie sind wirklich großartige, kluge Songwriter. Das erste Album war so eine gute Pop-Platte mit all dem elektronischen Zeug – so fröhlich! Und das Zweite! Das ist sogar noch besser! So interessant, mit so vielen Wechseln zwischen den Songs. Das ist ein Album, das dir wirklich viel gibt.

Popblog: Habt ihr euch eigentlich je als Teil der Lo-Fi-Szene Amerikas gefühlt, die ja in den letzten ein, zwei Jahren so aufgeblüht ist?

Smith Westerns: Nein, gar nicht. Weil wir einfach jünger als alle anderen sind, konnten wir nie auf irgendwelche Aftershowpartys oder in Bars mitgehen, deshalb hat sich da nie eine große Verbrüderung ergeben.

Popblog: Gibt es Unterschiede zwischen euren Konzerten in Amerika und in Europa?

Smith Westerns: Wir sind in der Zwischenzeit in den USA größer, weil dort das Album schon länger erschienen ist. Aber dafür behandeln dich die Promoter in Europa besser, kümmern sich mehr. … weiter lesen

02.12.2010 von Christian Ihle
blogavatar

Brett Anderson (Suede): It’s much easier to rip off The Clash than Suede!

von Christian Ihle

Es ist dunkel, regnerisch, nass, widerliches Wetter in Berlin. Aber der ewig junge Brett Anderson sitzt auch noch nach vielen Stunden Interview geduldig im Büro von Ministry Of Sound und harrt der Popblog-Fragen anläßlich der Veröffentlichung einer neuen Best-Of-Compilation und des ersten Suede-Konzertes seit vielen, vielen Jahren in Deutschland am morgigen Freitag.

Brett Anderson: Do you want something to drink?

I’ll take a coke, thank you.

Brett Anderson: I hope you don’t want Coke Light! Cause that’s carcinogenic!

A regular Coke is fine, thank you… so you’ve formed Suede in the early 90ies…

Brett Anderson: …we actually formed in 1989…

…what are your fondest memories of being in Suede?

Brett Anderson: One of my fondest memories is the show we played in march 2010 in London…

…that charity gig you’ve played…

Brett Anderson: Yeah, it was an amazing night. It was the first time we played together for 7 years, we didn’t really know what the reaction was going to be like. It was very special, a quite magical night. That’s probably my favourite show we’ve ever done. If I had to chose one moment to relive for the rest of my life it would be that very moment.

Did you set out from the beginning on to do a full blown reunion or did the idea just develop after that gig?

Brett Anderson: I don’t think we had much of a clue what’s up next. We just did it. We just did what felt right at the time. We didn’t have a big plan. It was “this feels really good, let’s do some more shows and stop doing it before it gets really boring. …again!” So I don’t know how long it’s gonna last for and I don’t know if we’re gonna play shows next year. We might not – we got no shows booked for next year. I think it’s important to keep it special. If you’re gonna reform a band, it’s very easy to become really ordinary and quite dull quite quickly and I think it’s your duty to your legacy, to your fans to make it special so it doesn’t descend into some kind of self parody. At the moment it feels great. When I go on stage it feels electric, it feels amazing. But who knows…

I was talking to Carl Barat of The Libertines some weeks ago and he said he wouldn’t mind playing the odd gig with The Libertines but would never embark on a big “Up The Bracket” reunion tour without performing new songs. So if you go on performing with Suede do you think you have to write new songs?

Brett Anderson: I think Carl is probably right there … weiter lesen

22.11.2010 von Christian Ihle
blogavatar

Carl Barât (The Libertines): “Now we got the option to start a new chapter.”

von Christian Ihle

Umtriebig ist er, der gute Carl. Ein Soloalbum, seine “Memoiren” über die Libertines-Zeit, einige Soundtrackarbeiten und dazu noch erste Schritte als Schauspieler haben die letzten Monate des vernünftigen Libertine geprägt. Ach, und so eine kleine Reunion vor 50.000 Menschen, die war auch noch vor einigen Monaten…

Am Tag nach seinem Solo-Auftritt in Hamburg treffen wir Carl Barât zu einem Gespräch in Berlin. Auch wenn das Interview um 15.00 Uhr nachmittags angesetzt war, kein Grund für einen echten Libertine nicht verschlafen und hangover zu sein…

carl barat

Berlin, 3 p.m.

Carl Barât: Excuse me, I woke up quite recently…

You played in Hamburg yesterday…. How was your gig last night?

Carl Barât: It was good, by the end it was amazing. Hamburg got a quite relaxed crowd and it was a Monday night but by the end of the gig we got them going. It was quite a challenge, Monday is a difficult time.
And in that dressing room in the bunker (in der Konzertlocation Uebel & Gefaehrlich, Anm.) there was a sign above the door that reads “Hallo Munich!”, so you walk out, greeting Munich in Hamburg… but I didn’t do it. *laughs*

You’ve worked as an actor, wrote a book, played in two bands and just released your first solo album – what did you enjoy the most?

Carl Barât: Probably the new record.

And is there anything you won’t do again?

Carl Barât: What was it again?

Eh, you worked as an actor, wrote a book, played in two bands and just released your first solo album…

Carl Barât: Oh, eh, yeah! I wouldn’t mind doing a little more acting, but I don’t try to be a real actor.

I saw you acting in that movie about Joe Meek called Telstar. It was your first real role in a movie, wasn’t it? How did you like it?

Carl Barât: It was pretty fucking scary, really weird. I spend ages to work on the character (Carl played the 50ies rockstar Gene Vincent) and in my head it was like “It’s massive! It’s a Joe Meek biopic in which I star!” and then I came to the set and they just said “go on, say your lines and get off”. I did my lines once, very nervously, and it was just “Cut! Move on!” – maybe next time it’s gonna be better…

You wrote some songs for the soundtrack of the new Russel Brand movie (“Get Him To The Greek” / “Männertrip”). How did that happen?

Carl Barât: We were at Russels house one day, we were checking on Russels progress, on his world domination… His house gets bigger and bigger and bigger each time I visit. He got a house at Hampstead *quietly: which is a pretty nice area of London!* and he got a hairstylist, and a masseuse and a hot tub with a TV in it… he’s a lucky man! And he asked me if I wanna write a couple of songs for his new movie. Jarvis Cocker wrote some as well.

Many songs on your solo album are co-written. Do you prefer working with others and do enjoy more being in a band? so why did you set out to do a solo album in the first place?

Carl Barât: I do like working with other people. If you say to me “do your stuff”, then I’m gonna do it later on, but if I got a person opposite of me, then I’m doing it now.

How did you get involved with Neil Hannon of Divine Comedy?

Carl Barât: He’s just a friend of a friend. I’ve never met him, but he said we should try something. So when I was in Dublin, I met up with him. It was really nice and we got on very well. I stayed two days at his house: one day writing, one day recording.

YouTube Preview Image
.

You wrote & recorded “The Fall” in two days? It’s my favourite song on the new record.

Carl Barât: Yeah, two days for writing and recording a demo. It’s one of my favourite ones as well.

When you write with other people, is there one of them writing the lyrics and the other one writing the music?

Carl Barât: I wrote about 95% of the lyrics on the record, the music was more of a collaboration.

You wrote your biography…

Carl Barât: Memoir.

Ok, you wrote your memoirs…

Carl Barât: Just one memoir! I’m gonna write more memoirs when I’m gonna get older *laughs*

I thought it was different to other rock star biographies, it was more honest and humble…

Carl Barât: Did you read it?

Yes, of course. It was neither like that “showing off thing” other rock stars tend to do in their biography nor was it like “oh look at me, I’m a fallen angel”… it was a really enjoyable read.

Carl Barât: Thank you, it’s the same with the new record. I wrote them for myself, without any audience in mind. It may sound pretty selfish but on the second Dirty Pretty Things record I wrote what I thought people wanted – of course afterwards everyone said “we don’t want it” *laughs* – but I wrote the book and the new record just for myself. It’s like a catharsis, a way to move on. And because I wrote it for myself… I just don’t have to show off to myself.

It read more like someone who is writing on his own in the middle of the night – “diary” would be a wrong term to describe it, but it doesn’t read like it was in your mind that it’s gonna get published in a way.

Carl Barât: That’s cool. And it really is honest.

…and because it’s pretty honest in some parts, did you sent it to people who actually are in the book like Gary (Powell, Drummer of Dirty Pretty Things and The Libertines) or Peter (Doherty, singer of The Libertines)?

Carl Barât: Ehm, *talks quietly* no……
I think I am pretty fair in the book. Of course I was paranoid that people are gonna be upset but then I read it again and again and I was confident that I am telling my story and not selling other peoples stories. Gary isn’t mentioned very much but he comes across as nice as he actually is. I made sure that I pointed out that Gary didn’t take any drugs and that sort of thing. I did let the boys of Dirty Pretty Things read it and they were like “oh, well, we’re gonna have to phone our mums…” but they were very gracious.

Did Peter talk to you about the book since it was released?

Carl Barât: I don’t think Peter is bothered by the book. I don’t think he even read it.

Do you fancy writing another book? Fiction, maybe?

Carl Barât: I think I’m gonna write again, but I’m not gonna rush it. They say “everyone got one novel in them…”

You did the book, the solo album, the gigs with Libertines in the summer… what are you up to next?

Carl Barât: Oh, I’m gonna have a baby in december, right after this tour is finished. So I’m gonna take some responsibility and then I’ll come back and play the album again. Then I don’t know, but probably a new record.

Do you think you’re gonna write on your own?

Carl Barât: Well, I’ll start on my own. “So long, my lover” was the first song I wrote for this record, but I still don’t have any confidence at all so I put it away. At the end of the sessions I said to the producer “I got this song as well” and he said “we have to put that on the record! You should’ve written more of these kind of songs”… so I’m gonna try next time.

YouTube Preview Image
.

You still got confidence issues? You are now in the music business for about 10 years and you were playing on a stage with the Libertines for years before…

Carl Barât: YES! Weird thing! But I generally got a lot confidence problems.

I’m gonna have to ask you, being a Libertines-fan since the What A Waster days, how was it for you personally to play these pretty big gigs? I went to the reunion gigs at the Forum in London and at the Leeds Festival.

Carl Barât: It was great. I thought we came full circle, Libertines got cut short before we could play these kind of gigs. I’m glad they went well. The potential of the band was always … weiter lesen

26.05.2010 von Christian Ihle
blogavatar

The Miserable Rich: Drinks, „Double Dutch“, deutsches Kino

von Christian Ihle

„Of Flight And Fury“ heißt das zweite Album des Kammerquintetts The Miserable Rich. Es handelt von Drogen, Wut, Sommer, Hoffnung und Schmerz und ist eine ziemlich gute Sozialstudie zur Finanzkrise. Bevor die Männer aus Brighton ein großartiges Showcase in einer Berliner Fabrikwohnung ablieferten, verriet uns Sänger James de Malplaquet seine Theorie zum Grunge, seinen persönlichen Titelsong für die WM 2010 und seine Lieblingsdrinks.

Popblog: Woher kommt der Albumtitel „Of Flight And Fury“?

James de Malplaquet: Viele Leute haben ein anstrengendes Jahr hinter sich, nicht nur wir. Die Wut über die Finanzkrise war deutlich spürbar. Der Albumtitel handelt von dieser Wut. Aber auch von Eskapismus in Form von Romantik, Poesie und Drogenmissbrauch. Unsere Musik hat ebenfalls zwei Seiten: die eine ist leidenschaftlich, brutal und aufgeladen, die andere sehr sanft und gelassen.

Ihr vertretet die Theorie, dass aus wohlhabenden Ländern überwiegend traurige und aus ärmlichen Ländern fröhliche Musik kommt.

James de Malplaquet: Die Theorie ist nicht absolut. Aber es ist erwiesen, dass in Kriegszeiten aus Europa sehr viel fröhliche Musik kam. Meiner Meinung nach steht amerikanische Grunge-Musik für den Höhepunkt westlichen Reichtums. … weiter lesen

03.02.2010 von Christian Ihle
blogavatar

Punkfilmreihe im Ramones-Museum: “We say: Fuck that!”

von Christian Ihle

Am heutigen Mittwochabend startet im Ramones-Museum zu Berlin eine Punkfilmreihe. Jeden ersten Mittwoch im Monat wird ein Punkfilm aufgeführt werden und freundlicherweise sagt das Ramones-Museum dafür nicht einmal “hastemanemark?” sondern gibt den Eintritt frei.

Kuratiert wird die allmonatliche Punkreihe von Jörn Morisse. Da gleich drei Popblog-Reizworte hier fallen (Punk! Film! Kostenlos!), lag natürlich nahe, dass wir uns mit dem Kurator über Inhalt und Intention unterhalten:

Jörn, Du hast Aaron Cometbus Punknovelle “Double Duce” auf deutsch übersetzt, gemeinsam mit Rasmus Engler von Bierbeben und Herrenmagazin das Buch “Wovon lebst du eigentlich?” geschrieben und kuratierst nun die Punkfilmreihe im Ramones-Museum – wie kam es denn zu letzterem?

Jörn Morisse: Im Rahmen der ganzen “American Hardcore”-Diskussion vor ein paar Jahren ist mir aufgefallen, wie in der filmischen Rückschau eine Szene gerne als Einheit und zwangsläufiges musikhistorisches Ereignis inszeniert wird, ein Kanon gebildet wird, ohne Haltung zu vermitteln oder große Irritationen aufkommen zu lassen. Höchstens über das, was nicht gezeigt wird. Im Unterschied zu Dokumentarfilmen wie “The Decline of Western Civilization” oder “Another State of Mind” aus den Achtzigern, wo die Kraft aus der unmittelbaren Zeitgenossenschaft kommt, weil sich die Filmemacher und die Protagonisten vor der Kamera angreifbar machen. … weiter lesen

12.09.2009 von Christian Ihle
blogavatar

Atomic (aka die deutschen Oasis) über den Oasis-Split

von Christian Ihle

Popblog: Ihr seid ja bekannt dafür, die größten Oasis-Fans Deutschlands zu sein. Kannst Du dich noch an deine erste Oasis-Begegnung erinnern?

Rainer Marschel (Atomic): Das werden wir niemals vergessen. Das war der größte Oasis-Flash meines Lebens neben dem ersten Hören von „(What´s the story) Morning Glory“ (wonach wir erst einmal eine Stunde lang durchatmen mussten weil wir es nicht glauben konnten, dass uns diese Songs so bewegen und berühren).
Es war beim MTV Coca Cola Report im August 1994. Dort wurde ein Interview mit Noel und Konzerteinblenden der US Tour mit “I am the Walrus” und danach das “Live Forever” – Video ausgestrahlt. Danach war klar, dass diese Band unser Leben und Einstellung verändern wird! Wir waren wie gelähmt, weil wir mit den damals aktuellen Bands so überhaupt nichts anfangen konnten. Alle haben zu dieser Zeit Nirvana, Metallica, R.E.M., Guns´n´ Roses gehört… wir haben das alles ignoriert und waren nur für die Kinks, Beatles, Stones offen, was damals extrem uncool in der Schule und bei unseren Freunden war. Wir wurden dafür eigentlich immer belächelt – aber dann sagte Noel in diesem MTV-Bericht, dass sie die neuen Kinks, Beatles, Stones, Who und Sex Pistols in einem sind und wir dachten: Oasis hat uns der Himmel geschickt!

Ich weiss es heute noch, als ich ans Telefon gerannt bin und völlig ausser Atem meinem Bruder mitteilte „ich habe eine band gefunden mit der wir uns mehr als nur identifzieren können, du wirst es nicht glauben, komm sofort heim, ich habs auf Video aufgenommen, du musst das jetzt sofort sehen.”

Ich glaube danach haben wir dann diese 10 minuten wochenlang Tag und Nacht geschaut.


(v.l.n.r.: Becks, Oasis, Atomic)

Popblog: Denkst Du der Split ist diesmal wirklich endgültig? … weiter lesen