Jörn Morisse und Oliver Koch, ehemaliger Bassist der Band Tomte und jetztiger Herausgeber des Magazins OPAK, haben Gespräche über das Älterwerden im Jugendlichkeitswahnbusiness Pop geführt. Eine Sammlung dieser Interviews mit Künstlern wie Animal Collective, Jaki Liebezeit (Can), Justine Frischman (Elastica) oder Conor Oberst (u.a. Bright Eyes) ist in dem Buch “Never Get Old?” erschienen – heute nacht sendet Deutschlandradio Kultur zudem ein einstündiges Feature zu diesem Projekt:
Mi., 26.September 2012, 0.05 Uhr
Deutschlandradio Kultur
Never get old?
Vom Älterwerden im Pop
Feature von Jörn Morisse und Oliver Koch
Regie: Johanna Olausson
Die beiden Autoren haben uns ihre Interviews mit Conor Oberst und Justine Frischman zur Veröffentlichung bereitgestellt.
Conor Oberst – oder irgendwas mit pferden
conor oberst wurde am 15. Februar 1980 in Omaha, Nebraska, geboren… weiter lesen
Archive for the ‘Interviews’ Category

Die Dexys Midnight Runners sind wohl eine der unterschätztesten Bands, die aus den Wirren des (Post-)Punk entstanden sind. Obwohl die halbe Welt sie nur wegen des phänomenal erfolgreichen Welthits “Come On Eileen” (Nummer 1 in England und Amerika!) kennt, der immer noch Hochzeits- und Studentendiscostandard ist, sind die Dexys immer viel mehr gewesen: sie waren eine Punkband, sie waren eine Soulband, sie waren eine Irish-Folk-Band und sie haben Mitte der 80er mit “Don’t Stand Me Down” ein Meisterwerk des New Pop veröffentlicht, das dermaßen böse gefloppt ist, dass sich Sänger Kevin Rowland bis auf zwei ebenfalls erfolglose Soloalben aus dem Musikbusiness zurückgezogen hat.
Man wollte nicht mehr daran glauben, aber 2012 veröffentlichen die Dexys (heutzutage ohne “Midnight Runners”) nun ihr viertes Album – das erste seit eben “Don’t Stand Me Down” vor 27 (!) Jahren. Grund genug, mit Sänger Kevin Rowland über Irrungen, Wirrungen, Bandumbesetzungen,… weiter lesen
Wir haben uns mit Bernd Kroschewski, dem Chef der Hamburger Indie-Institution Fidel Bastro unterhalten. Sein Label feiert in diesem Jahr 20. Geburtstag und hat in diesen zwei Jahrzehnten Platten von Superpunk, Boy Division, Sport und vielen anderen veröffentlicht.

Bernd, Du spielst in den Hamburger Noisebands Potato Fritz und Boy Division – bist aber vor allem auch der Gründer des Indielabels Fidel Bastro, das in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag feiert.
Wie bist du ursprünglich auf die Idee gekommen, ein Label zu gründen?
Bernd Kroschewski: Das war eine spontane Schnapsidee, und eigentlich war gar nicht wirklich geplant, über die erste Platte hinaus ein Label zu betreiben… hat sich dann irgendwie so ergeben…
Was war denn die erste Fidel-Bastro-Platte? Weißt Du noch, wieviele ihr davon verkauft habt?
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Kürzlich hat mich der MusikExpress gebeten, der guten Laura Marling einige Platten vorzuspielen und mit ihr über Songs und Künstler zu reden. Das soll natürlich auch hiesigen Stammlesern nicht vorenthalten werden, war Laura Marling doch schon bereits als 18jährige Gewinnerin unseres “Album Des Jahres“. Miss Marling über ihre Liebe zu Libertines & Patti Smith und mit einem Zwischen-den-Zeilen-Diss an Emmy The Great (was wiederum auch schön die Verbitterung von Emmy über Laura nachvollziehen lässt, die Emmy in unserem Interview vor einigem Monaten äußerte).
White Stripes – It’s True That We Love One Another

Oh, ich liebe Jack White! Und das ist ein wirklich toller Song! Ganz ehrlich, Jack White ist der Retter einer gewissen Art von Musik – und wie sie aufgenommen wird. Er ist eine der aufregendsten Personen, die ich… weiter lesen

Im Inneren des kolossal-hässlichen Altbaus ist es angenehm frisch. Claire Boucher, das (einzige) Mastermind hinter Grimes, sitzt auf einem Sofa im Berghain, in der Hand eine Flasche Apfelschorle, und wirkt leicht dehydriert. Das dritte Album “Visions”, vor wenigen Monaten veröffentlicht, hat ihren Bekanntheitsgrad ins Unfassbare katapultiert. Sie gilt jetzt schon, und das zurecht, als nächster Popstar aus dem Underground. Das ganze Internet ist voll von tumblr-Fanseiten mit blinkenden GIF’s und tausenden Twitter-Kommentaren darüber “how cute she is”. Sie schläft, nach eigenem Bekunden, kaum noch. Boucher wirkt immer ein bischen wie eine neugierige Austauschstudentin, die alles in sich aufsaugt – europäische Kunst, Musik, Konzerte, Drogen, Freundschaften, kolossale Jugend. Mit 24 Jahren ist Claire Boucher aber auch im richtigen Alter, um sich um Zukunftsplanung herzlich wenig Gedanken zu machen.
Warst du früher schon in Berlin?
Ja, mit 16 Jahren war ich… weiter lesen
Interview mit Emmy The Great über die Fantastischen Vier, Berlin, Autounfälle und Mariah Careys Brüste
von Christian IhleAls Emmy The Great das letzte Mal kurz vor Weihnachten in Berlin aufgetreten ist, habe ich mich mit ihr über ihr zweites Album, die Idiotien der Musikindustrie, alternative Wege zur Finanzierung von Plattenproduktionen, gemeinsame Celebrity Crushs und Mariah Careys Brüste unterhalten.

Some time ago we did a questionnaire about your favourite records and you said “MFG” by Fantastische Vier is your favourite german song ever…
Emmy The Great: Oh, yeah, I remember that Questionnaire! I learned german for my A Levels. I do really like a song that’s Number One right now in Germany, it’s by Marlon Roudette. We wrote some songs together but they didn’t get on his new record. But I think I’m in spirit there on his album *lacht*
Usually all english acts namedrop either Neu! or Can or Kraftwerk so “MFG”… weiter lesen
Ja, Panik – Interview (2): “Aber ich will gar nicht, dass das System gerettet wird, ich will ja, dass alles untergeht!”
von Christian Ihle
Der zweite Teil unseres Interviews mit Andreas Spechtl, dem Sänger und Songwriter von Ja, Panik. Haben wir in Teil 1 vor allem darüber gesprochen, wie eine Band sich im Musikbusiness bewegen kann, ohne ihren eigenen Idealen untreu zu werden, sprechen wir nun mit Spechtl über die Art, wie er Texte schreibt, welche Referenzen er in seinen Lyrics zieht und welchen politischen Standpunkt er einnimmt:
Der größte Unterschied zwischen den Aufnahmen eurer neuen Platte und ihrer Livepräsentation ist, dass bei „Nevermind“ von jedem Bandmitglied „seine Strophe“ gesungen wird. Woher kam diese Idee? Und warum hast auf Platte doch du alle Strophen übernommen?
Andreas Spechtl (Sänger und Songwriter von Ja, Panik): Die Idee war von Hans Unstern, der bei unseren Konzerten das Licht macht. Am Anfang waren wir skeptisch, weil es ja eigentlich auch keinen Sinn ergibt, denn jedes Bandmitglied singt ja über sich – also in der dritten Person…
…sozusagen Lothar Matthäus Style!
Spechtl: …aber wir haben festgestellt, dass es live toll funktioniert. Es ist beinahe wie bei einem Jazz-Konzert, bei dem jeder nach seinem Solo Szenenapplaus bekommt.
Denkst Du dann im Rückblick, dass ihr das auch auf Platte das schon so hättet aufnehmen sollen?
Spechtl: Das ist schon ein arges Liveding, weil man das Gesicht zur Stimme vor sich hat – da ist es dann auch weniger wichtig als auf Platte, wenn die anderen Bandmitglieder nicht alle wie ein Lercherl singen können.
Die Großstadt und die Vereinzelung ist ein beherrschendes Thema auf der Platte – ist das für euch in Berlin spürbarer, erfahrbarer geworden als eurer vorherigen Heimatstadt Wien?
Spechtl: Das Interessante an der Vereinzelung durch die Großstadt ist ja die Gleichzeitigkeit des Versprechens von Nähe, dieses Riesenhaufens von Menschen, die sich aber immer fremder werden und dass die moderne Gesellschaft immer mehr Möglichkeiten zum Rückzug bietet. Es ist eine Dialektik der Kommunikation: einerseits kannst du immer alle erreichen, mit jedem immer reden, aber du musst dafür niemanden mehr treffen. Du sitzt zuhause und hast mehr Kontakt mit Menschen, hast aber im selben Moment weniger physischen Kontakt. Es kommt zusammen und zerfällt gleichzeitig.
Man darf aber auch nicht romantisch aufs Dorf schauen. Wenn ich heim ins Burgenland fahre, nach Deutschjahrndorf, und die alten Frauen hinter den Vorhängen durchschauen und sofort wieder zumachen, wenn sie mich sehen, dann ist das auch keine schönere Welt.
Entwickelt sich da bei Dir ein Kulturpessimismus hinsichtlich des Internets, Facebooks?
Ich bin sicher kein Kulturpessimist. Es geht darum, wie der Fortschritt begriffen wird, wie er verwendet wird. Der Fortschritt hat eine sehr emanzipatorische Seite, kann aber ins Gegenteil verkehrt werden. Das ist wie der Adorno-Klassiker mit der Aufklärung, dass die Aufklärung in einseitiger Handhabung auch in die Barbarei zurückfallen kann.
Man muss in jedem Moment fragen: Wem nützt es? Warum passiert es? Wie wird es angewendet? Sich diese Fragen zu stellen, schützt einen davor zu einem bornierten Kulturpessimisten zu werden.
Die Befreiungs- und Unterdrückungsmethoden sind sich wahnsinnig ähnlich. Mir geht’s um die Verwendung von Dingen, also ums wie.
Generell arbeiten Deine Texte oft mit Zitaten und Referenzen. Läuft das auf einer bewussten Ebene, dass du Lieder hörst, Bücher liest und Dir denkst, genau die Stelle will ich in einen meiner Songs einbauen? Oder verarbeitest du in Deinen Texten einfach unterbewusst, was Du vorher aufgenommen hast?
Spechtl: Früher habe ich mir arg alles aufgeschrieben, war sehr akribisch. Bei dieser Platte wollte ich das gerade ändern, ich wollte sehen, was eigentlich bleibt, wenn ich mir nichts aufschreibe. Wollte sehen, was mich prägt, beeinflusst, was ich gefiltert wieder ausstoße ohne mir wie früher pedantisch eine Notiz mit einem „Einbauziel“ zu machen.
Bei den alten Platten hatte ich mir vorher in einem Hefterl alles aufgeschrieben, was mir gefallen hat und habe beim Texteschreiben dann nachgesehen, was zu dem jeweiligen Song passen würde. Wobei es sehr wenige 1:1 – Zitate bei Ja Panik gibt, ich erlaube mir fast immer eine Änderung, oft sogar eine Umkehrung des Inhalts, wo nur noch Satz und Wörter als Assoziation bleiben.
Baust Du die Referenzen dann bewusst ein, dass der Hörer sie wahrnehmen kann, damit sie Assoziationen bei ihm auslösen?
Spechtl: Einerseits macht es natürlich Spaß, Referenzen durch den Kontext ins Gegenteil zu verkehren, das hat eine humoristische Seite. Manchmal ist es auch ein Fährtenlegen: wenn Du – gerade bei alten Ja Panik – Songs, die inhaltlich etwas vage waren – eine Referenz als Hörer erkannt hast und weißt, wo es hergekommen ist, war darin der Schlüssel, zu erkennen, wie das Lied eigentlich gemeint war. Der Inhalt des Liedes wurde also durch den Kontext der Referenz erst verständlich. Wie eine Überschrift für einen Song.
Meine Arbeitsweise war früher, dass ich den halben Tag gelesen, dann einen Joint geraucht und mich dann ans Texten gemacht habe – so dass in den Lyrics das vorher gelesene wieder auftaucht. Bei der neuen Platte habe ich versucht so zu tun als wäre alles von mir – was natürlich eh eine Lüge ist – um danach selbst zu schauen, was sich eigentlich in einem festsetzt, im Gegensatz dazu dass ich mich vorher gezielt damit gefüttert habe, um einen Kommentar in Liedform dazu abzugeben.
Da ich gerade Der Kommende Aufstand lese, stolpere ich immer wieder über Stellen, die mich an Deine Texte erinnern. Zum Beispiel „So ruft man einerseits die Gespenster ins Leben, und lässt andererseits die Lebendigen sterben“ in Der Kommende Aufstand bzw. „Man ruft Geister hier ins Leben, die Lebendigen, die gräbt man ein und schimpft sie Terroristen, Deserteure, nichtsnutzige Tagediebe“ in DMD KIU LIDT. Ich nehme an, du hast das Buch auch gelesen?
Spechtl: Ja, stimmt, das habe ich gelesen. Und der Text von DMD KIU LIDT beruht auf einer ähnlichen Idee wie das Buch. Ich fand es aber auch lustig, weil ich schon in „Die Luft ist dünn“ (vom The Angst & The Money – Album, Anm.) Bezug nehme auf eine Stelle aus dem Sophokles-Drama Antigone, in dem der Bruder unbeerdigt im Freien liegt und Antigone bittet, die Toten einzugraben, aber letztenendes sie ins Kellerverlies geschlossen wird. Bei Sophokles gibt es also auch eine Stelle, in der es darum geht, dass man die Toten ein- und die Lebendigen ausgraben soll – das ist eine sehr ähnliche Idee und ein schöner Gedanke, der sich auch gesellschaftlich anwenden lässt.

Wie ist deine Meinung denn zu Der Kommende Aufstand?
Spechtl: Ich stehe jetzt nicht inhaltlich völlig hinter dem Buch, aber es hat mich eine ganze Zeit lang beschäftigt. Es ist interessant, aber ich war auch belustigt wie viel Aufmerksamkeit es jüngst bekommen hat, weil es ja eigentlich schon so wahnsinnig alt ist…
… eigentlich wurde es 2006/2007 geschrieben…
Spechtl: …und ist 2007 in Frankreich herausgekommen, dann in England erschienen. Es gab ja auch schon ein Jahr vor der hiesigen Veröffentlichung eine deutsche Übersetzung, die ich damals schon aus dem Internet hatte.
Ich war überrascht, wie ernst das Buch genommen wurde. Ich kann da viel Humor aber auch viel falsche Romantik, viel Situationismus, aber auch wahnsinnig viel „ich weiß es besser“ – Bürgerlichkeit herauslesen. Auch viel Optimismus, an den ich leider nicht glaube. Einerseits rufen sie ja zum kommenden Aufstand auf, andererseits sagen sie aber auch, wir müssen ja gar nichts tun, es wird alles von selbst passieren. Das Buch sagt ja, dass alles den Bach hinuntergeht und wir deshalb sowieso vor einer neuen Weltordnung stehen. Der Kommende Aufstand hat viel von Foucault und sie haben natürlich ihren Marx gelesen.
Prinzipiell ist das schon eine mir nahe Denkform, denn als die Waffe der Kritik funktionieren ja noch immer Marx und die Poststrukturalisten. Was angestrebt wird, erliegt dagegen schon einer romantischen Verklärung. Einer ihrer selbst praktizierten Lösungen, der Rückzug aufs Land, ist einfach kein Ausweg und das kann man dem Kommenden Aufstand auch ankreiden. Seine Autoren, Das unsichtbare Komitee, hatten eine Landkommune, einen Biobauerhof – das ist natürlich auch wahnsinnig bürgerlich, das musst du dir erst einmal leisten können. Das ist nicht anders als wenn die Frau vom österreichischen Finanzminister sagt: „In der Wirtschaftskrise sollen die Bürger doch auf ihrer Dachterasse Gemüse anbauen“…
…was ja fast schon was von Marie-Antoinette hat…
Spechtl: …sie meint das auch wirklich ernst. Sie, im ersten Bezirk in Wien, auf ihrer 120 Quadratmeter Dachterasse kann sich natürlich schön ein paar Radieschen und Erdäpfel anbauen und dann bequem die anderen dazu aufrufen, auch ihre „Dachterrassen“ für die Selbstversorgung zu nutzen…
Am Kommenden Aufstand merkt man, dass es ein Buch eines rich kids ist. Er hatte Zeit sich zu bilden, sich zurückzuziehen. Die Antihaltung des Buches, das Fuck Me, das Sich-Neben-Die-Ordnung-Stellen weckt immer Skepsis in mir. Ich frage mich immer, warum kann der- oder diejenige das so hart behaupten? Warum ist er oder sie nicht in diesem wahnsinnigen Verwertungskreislauf gefangen? Und leider Gottes ist es wahnsinnig oft so, dass das eben die gutsituierten Kindern sind. Marx hatte seinen Engels, der ihm die Scheinchen zugesteckt hat, Walter Benjamin stammt aus einer „guten Familie“, die ganze Frankfurter Schule waren alles „bessere Kinder“. Im Musikerumfeld ist es nicht anders, die ganzen Bohèmen genauso: du brauchst die finanziellen Mittel, um überhaupt auf die utopischen Auswege zu kommen. Ich habe grundsätzlich Sympathie dafür, aber vor dieser Frage gehen alle in die Knie.
Aus welchem familiären Background kommst Du eigentlich?
Spechtl: Ich bin zwar kein „Arbeiterkind“, aber mein Vater ist semi-erfolgreicher Künstler, meine Mutter Lebenskünstlerin – finanziell ging sich da also nie viel aus…
Aber Du kommst vom Land?
Spechtl: Meine Eltern sind zwar beides Wiener, sind aber ins Burgenland gezogen als sie Kinder bekommen haben, nur um sich dann gleich scheiden zu lassen. Ich hatte eher diffuse Familienverhältnisse, wurde von meiner alleinerziehenden Mutter oder eben den Großeltern aufgezogen.
Seit unserem letzten Interview zu Beginn des Jahres hat sich politisch einiges verändert, zugespitzt. Die Krise des Kapitalismus verschärft sich, in Spanien und Griechenland geht die Jugend auf die Straße, um zu demonstrieren. Kommt das herrschende System zu einem Ende oder bleibt es doch nur wie ‘68 bei einem kurzen Aufschrei der Jugend?
Spechtl: Ich stelle mir 68 wilder und kompromissloser vor – wobei ich das sicherlich auch verkläre. Schau nach Spanien, worum es der „Bewegung der Empörten“ eigentlich geht: sie wollen einen Teil vom Kuchen, ohne dass sie das System derart in Frage stellen wie es noch die 68er getan haben. Spanien ist doch ein Schrei nach einer menschlicheren Ausbeutung!
Du meinst, als ob sie sagen würden: „Wir haben alles getan, um fürs System nutzbar zu sein – und jetzt wollt ihr uns nicht nutzen?!“
Spechtl: Genau: „Jetzt habt’s ihr mich zugerichtet! Ich bin das Werkzeug, als das ihr mich haben wollt und jetzt gibt es keine Schraube mehr für mich, die ich drehen darf, um entlohnt zu werden“. In Griechenland war es dagegen gleich von Anfang an – egal wie man dazu jetzt steht – gewalttätiger, oppositioneller. Ich hatte dort mehr das Gefühl, dass es zwei Fronten gab.
In letzter Zeit habe ich mir auch einige Polit-Talkshows angesehen, woran man wirklich verzweifeln kann. Alles ist so sinnlos, alles dreht sich im Kreis. Es wird eine Strategie gesucht, wie „gerettet“ werden kann. Aber ich will ja gar nicht, dass gerettet wird, ich will ja, dass es untergeht! So eine Meinung kommt natürlich gar nicht vor.
Meine Furcht ist, dass die Krise unserer Zeit, die materielle und finanzielle Sorge, in eine andere Richtung losgeht, in den Totalitarismus, faschistische Tendenzen, eine Aufgabe der Toleranz.
Wenn Du Dir die 30er Jahre anschaust, so etwas siehst Du jetzt auch wieder in Europa. Zwar ist es nun wieder mögliche, auch genuin linke Positionen im Medienmainstream zu vertreten und zu hören, aber andererseits schaut man Europa dabei zu, wie es immer rechter wird.
Ich weiß nicht, wie dieses System zu Ende gehen wird, aber ich bin so großer Pessimist, dass es auch „falsch“ zu Ende gehen kann – wenn ein Stein ins Rollen kommt, kann das auch schnell gehen. Ich habe das Gefühl, man sucht schon wieder nach einem „starken Mann“, weil sich niemand an ein Ende denken traut, weil niemand so weit gehen will, dass er sagt „unsere Weltordnung ist gescheitert“ – solange man noch „retten“ will, wird immer der Schrei nach eben einem Retter, einem Führer aufkommen.
Selbst bei Angela Merkel geht ja auch die vorgebliche „Alternativlosigkeit“ in diese Richtung, weil das eigentlich urdemokratische Prinzip der Diskussion und des Ideenwettstreits damit ausgehebelt wird.
Spechtl: Das ist die schrecklichste Form eines Positivismus. Diese Alternativlosigkeit ist sowas Dummes! Da werde ich zu einem Pessimisten, zu einem … weiter lesen
Interview mit Ja, Panik (1): “Wenn ich zu Stefan Raab gehe und ihm dort auf seine blöde Ledercouch scheiße, ist das vielleicht subversiv, aber wir werden trotzdem mehr Platten verkaufen”
von Christian IhleDie Gruppe Ja, Panik hat das wohl beste, mit Sicherheit aber interessanteste Album des Jahres veröffentlicht. Die gebürtigen Österreicher und jetzigen Wahlberliner sehen die eigenen Befindlichkeiten im Gegensatz zu den meisten deutschsprachigen Indierockbands nicht als Herzstück ihrer Texte, sondern arbeiten sich auch an politischen Themen ab.

Mit dem neuen Album haben Ja, Panik eine etwas größere Bekanntheit erreicht und stehen nun vor der Frage, wie sie mit ihren eigenen Ansprüchen umgehen sollen. Kompromisse machen, um von noch mehr Menschen gehört zu werden? Oder sich lieber dem „Mainstream“ verschließen und nur zu den bereits Bekehrten predigen? Ist eine Teilnahme an einer Stefan-Raab-Sendung heutzutage ein Muss für eine Indieband – oder kann man auch ohne Raab ein Auskommen finden? Im Interview beschäftigt sich Ja, Panik -Sänger und -Songwriter Andreas Spechtl mit dieser Problematik und überlegt, welcher Weg der „richtige“ sein kann.
TAZ Popblog: Euer viertes Album DMD KIU… weiter lesen
Interview mit Ja, Panik (2): “Das Konzept Rockband ist ein Auffangbecken für machoide, kleingeistige, trottelige, schwanzfixierte Idioten”
von Christian Ihle
Das größte musikalische Ereignis des Jahres kommt aus Österreich und wohnt in Berlin. Die Band Ja, Panik hat mit ihrem neuen Album “DMD KIU LIDT” in eingeschlägigen Kreisen bereits seit einiger Zeit die Gespräche beherrscht, wie man das bei einem deutschsprachigen Album zuletzt vielleicht zu Blumfelds “Old Nobody” – Zeiten beobachten konnte. Am gestrigen Abend spielten Ja, Panik unter dem Namen “The Troubles” im Berliner King Kong Club einen kleinen Geheimgig – und zum ersten Mal überhaupt alle Songs des neuen Albums. Hier ein Mitschnitt von “Run From The Ones That Say I Love You”:
Im ersten Teil unseres Interviews vergangene Woche (“Es sind schon unschuldigere Menschen als Merkel und Sarkozy getötet worden.”) hatten wir vor allem über das monumentale Titelstück des neuen Albums “DMD KIU LIDT”, das Konzept Heimat und Interviews mit rechtsnationalen Magazinen gesprochen. Sänger/Songwriter Andreas Specht und Bassist Stefan Pabst in dieser Woche über die “Erblinie der deutschsprachigen Musik”, Situationismus und die inflationäre Dummdreistigkeit im Musikgeschäft:
Popblog: Fändet ihr es vermessen, wenn man „DMD KIU LIDT“ hinsichtlich der möglichen Wirkung für deutschsprachige Musik auf eine Stufe mit den Mitt90er-Sachen von Blumfeld und Tocotronic stellt?
Andreas Spechtl (Sänger & Songwriter von Ja, Panik): Findest du die Sachen so relevant? Scherben und Fehlfarben sind nicht weniger relevant für ihre Zeit
Für mich ist die „Erblinie“ der deutschsprachigen Musik auch „Keine Macht für Niemand“ der Ton Steine Scherben, „Monarchie & Alltag“ von Fehlfarben und „L’Etat Et Moi“ von Blumfeld. Tocotronic dann durch die Idee, den Diskurs in einen Slogan zu packen – wo Distelmeyer die riesigen Schachtelsätze hatte, hat von Lowtzow eben den einen Satz, den einen Slogan geschrieben und damit auch eine größere Masse erreichen können. Deshalb denke ich schon, dass Blumfeld und Tocotronic in den 90ern enorm einflussreich waren, Leuchtfeuer für die deutsche Musik und sich viele – im Guten wie im Schlechten – daran orientiert haben.
Spechtl: Uns fehlt der Abstand, wir würden das nie so sagen. Das ist natürlich ein Kompliment, und freut einen.
Du hattest die späten Tocotronic mal in einem Fragebogen für das Popblog als „staubig“ bezeichnet.
Spechtl: Tocotronic hat mich eben mal so arg berührt und war wirklich wichtig für mich. Und gegen diese Konkurrenz muss jede neue Platte ankommen. Keiner will heutzutage mehr eine „Digital Ist Besser“ hören, die gab’s und das ist gut so. Das würde ihnen auch keiner mehr abnehmen.
Stefan Pabst (Bassist von Ja, Panik): Wenn man Tocotronic an dem misst, was es sonst gibt, dann ist es schön zu sehen, dass sie Nummer 1 in den Albumcharts sind. Sie sind nach wie vor eine der besten Bands.
Spechtl: Was mir immer noch Begeisterung abverlangt ist ihre Karriere. Die ist beispielhaft, integer. An einer neuen Tocotronic-Platte schätze ich in der Zwischenzeit mehr, dass die Band nie ihr Gesicht verloren hat als die Platte selbst.
Im einem Interview in der österreichischen Talkshow von Stermann & Grissemann stöhnst du über Eure Vorbands als „deutsche Nudelaugen“. Wen hattest du da im Kopf?
Spechtl: Es gibt wahnsinnig viele schlimme Jungsbands, mit denen man auftreten muss. Leider Gottes gibt es mehr Idioten als sympathische Leute und gerade das Konzept Rockband ist anscheinend ein Auffangbecken für machoide, kleingeistige, trottelige, schwanzfixierte Idioten. Das ist traurig, aber eben vielleicht auch ein Grund, warum Ja Panik so sind wie sie sind. Man ist ja auch selbst gerne Fan von einer Band und dem ganzen Rocknroll-Ding, mag das so wahnsinnig gern und ärgert sich deshalb jedes Mal wieder, was manche Leute daraus machen. Es gibt eine inflationäre Dummdreistigkeit in der Musikszene.
Du schreibst auch eine Kolumne für die Internetseite des österreichischen Radiosenders fm4. Dein erster Text hat mich stark an Situationismus und Guy Debords „Gesellschaft des Spektakels“ erinnert. Sind das Einflüsse? … weiter lesen
Interview mit Ja, Panik: “Es sind schon unschuldigere Menschen als Merkel und Sarkozy getötet worden”
von Christian IhleDas größte musikalische Ereignis des Jahres kommt aus Österreich und wohnt in Berlin. Die Band Ja, Panik hat mit ihrem neuen Album “DMD KIU LIDT” in eingeschlägigen Kreisen bereits seit einiger Zeit die Gespräche beherrscht, wie man das bei einem deutschsprachigen Album zuletzt vielleicht zu Blumfelds “Old Nobody” – Zeiten beobachten konnte.

Letzte Woche ist das Album nun veröffentlicht worden und wir haben uns mit Andreas Spechtl und Stefan Pabst zum Interview getroffen um über Bombenandrohungen, Drogenaufforderungen, Situationismus, Rassismus und, ja, auch die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben, die die Traurigkeit ist, zu sprechen. Heute Teil 1 des Interviews:
Popblog: Ihr seid von Wien nach Berlin gezogen, was man auch an der einen oder anderen Stelle in den Texten eurer neuen Platte merkt. Hatte Berlin darüber hinaus einen Einfluss auf das Songwriting?
Andreas Spechtl (Sänger & Songwriter von Ja, Panik): Wir sind noch nicht richtig angekommen gewesen in Berlin als wir die Platte geschrieben haben. Ich finde, man hört der Platte viel mehr ein hermetisches Sichzurückziehen, ein arges „wir kommen zu Fünft in eine neue Stadt und ziehen uns erstmal in uns selbst zurück“ an.
Stefan Pabst: Die Umstände des Umzugs hatten mehr Einfluss als die Stadt selbst.
Spechtl: Zum Entstehungszeitpunkt der Platte sassen wir nächtelang zu fünft in der Wohnung und haben nur daran gearbeitet hat. Es ist als hätten wir uns völlig abgeschottet in eine Holzhütte im Wald zurückgezogen. Wir hatten in Berlin noch keine sozialen Verpflichtungen, keiner hat angerufen, wir waren ganz für uns, zu fünft.
Wie funktioniert das Songwriting bei Euch überhaupt? Andreas, Du schreibst die Texte allein, wird die Musik zusammen entworfen?
Spechtl: Ich schreibe schon grob den Song, aber der wird dann noch arg verändert. Du kannst es Dir so vorstellen: ich schreibe den Song, habe die Akkorde und die Melodie, wir nehmen ein Demo auf. Dann wird zu fünft zusammen daran gearbeitet: wir sitzen im Wohnzimmer am Computer und jeder trägt etwas bei. Es ist auch nicht so dass der Schlagzeuger sich das Schlagzeug ausdenkt und der Bassist sein Bassding, sondern eine gemeinsame Arbeit an allen Parts. Gerade auf dieser Platte gab es bei jedem Schlag, bei jedem Ton Diskussionen.
Ja, Panik – Trouble by Nein, Gelassenheit
Wie ist euer Status in Österreich was Bekanntheit oder Verkaufszahlen angeht im Vergleich zu Deutschland? Bekommt ihr mehr Beachtung, weil dann doch wieder so ein „das sind unsere Jungs“- Gedanke zum Tragen kommt?
Spechtl: Man hat Respekt vor uns, aber innerhalb Österreichs gibt es viel größere Bands als uns – die man aber in Deutschland eher nicht kennt, wie 3 Feet Smaller.
Aber es gibt auch ein paar gute Sachen aus Österreich – Clara Luzia zum Beispiel. Bei ihr kommen auch mehr Leute zum Konzert als bei uns.
Wir haben schon die Aufmerksamkeit aus Deutschland gebraucht, um in Österreich angemessen rezipiert zu werden, damit wir österreichische Aufmerksamkeit bekommen. In der Zwischenzeit ist es ambivalent: für die einen sind wir Staatsfeinde, Nestbeschmutzer und Verräter, weil wir ausgezogen sind nach Berlin, was uns manche immer noch übel nehmen.
Interessiert euch das Konzept Heimat? Sehr ihr euch als österreichische Band? Oder ist das für Euch ein widersinniges Konstrukt?
Pabst: Mit der Bezeichnung „österreichische Band“ kann ich gar nichts anfangen. Es ist sicher kein identitätsstiftendes Merkmal, dass wir Österreicher sind.
Bei Thomas Bernhard gibt es eine Stelle, in der er schreibt
„In Österreich musst du entweder erzkatholisch oder nationalsozialistisch sein. Alles andere wird nicht geduldet, alles andere wird vernichtet“
Gibt es dann – wie bei Bernhard zum Beispiel oft – das Gegenteilige, also einen Heimathass? Eine Abkehr von Österreich? Dagegen zu sein, für was Österreich – oder auch Deutschland im gleichen Maße – steht?
Spechtl: Ich finde das grundsätzlich schwierig, denn im Umkehrschluss ist man dann genau das, was man eben nicht sein will. Das ist ein ziemlich faschistischer Gedanke, womit Du ganz schnell wieder im Jahr 1940 bist, in dem es heißt „die Österreicher sind so, die Deutschen sind so, die Türken sind so und die Juden sind so“… Die Grenze verläuft für mich nicht bei Passau. Ich will nicht über Österreicher schimpfen, ich schimpfe über ganz bestimmte Personen. Sonst ist es im Kern erneut eine rassistische Denke.
Ihr hattet für die letzte Platte einem Internetmagazin namens „Die Blaue Narzisse“, das sich als zumindest rechtskonservativ herausgestellt hat, ein Interview gegeben.
Spechtl: Das war wirklich eine schlimme Geschichte. Das Label hat eine Interviewanfrage von einer „Schülerzeitung“ … weiter lesen



