vonChristian Ihle 29.12.2019

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. Fontaines D.C. – Dogrel

Die Frage nach dem Album des Jahres beantwortet sich 2019 schlicht über die Hitdichte. Bei „Dogrel“, dem Debüt der Postpunk-Band Fontaines D.C. gilt nun wirklich der alte Satz „All Killer, No Filler“. Mit „Sha Sha Sha“, „Too Real“ „Hurricane Laughter“, „Chequeless Reckless“, „Liberty Belle“, „Boys In The Better Land“ („And the radio is all about a run away model / With a face like sin and a heart like a James Joyce novel“) und „Dublin City Sky“ haben die jungen Iren wirklich Knaller auf Knaller geschichtet – und dabei sogar noch auf ihre alte Single „Winter In The Sun“ verzichtet, das ebenfalls in diese Reihe gepasst hätte.

2. JETZT! – Wie es war

Das späte Debütalbum der großen verlorene Band der deutschen Musikgeschichte ist ein Triumph, nichts weniger.
Natürlich ist der Michael Girke von 2019 nicht mehr der junge intellektuelle Rebell von 1984, als er das Aufbegehren gegen den alltäglichen Stumpfsinn – Arbeit, Fernsehen, Schlafengehen, so macht das Leben keinen Sinn – mit der Debütsingle „Acht Stunden sind kein Tag“ niedergeschrieben hatte. Aber der Michael Girke von 2019 kennt die Welt, das Leben und die Liebe. Die Niederlagen und den Kampf um das Glück. Das Lebenswerte im Kleinen, das Warum es sich zu leben lohnt.

3. Pauls Jets – Alle Songs bisher

Paul Buschnegg, der erst 21-jährige Sänger von Pauls Jets, vereint die Attitüde des Außenseiters mit einem Gefühl für Pop, das weiter trägt als die übliche Indie-Nische und die Band in Radio-Playlists führen kann. Pauls Jets haben keine Angst vor dem eingängigen, großen Refrain, sind aber dank Buschneggs nasal-schnoddriger Intonation und seinen Sturm-und-Drang-Lyrics davor gefeit, in den Kitsch abzurutschen.
„Wo stehst du mit deiner Kunst, Baby?“ fragen Pauls Jets und die Antwort kann auf die drei Österreicher bezogen nur lauten: Ganz weit vorn, Baby, ganz weit vorn.

4. Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – Fuck Dance, Let’s Art

Ich kann jetzt nicht behaupten, dass das sechste Album der Liga der gewöhnlichen Gentlemen das Gentlemenligagame komplett neu erfinden würde, aber doch gelingt eine Verfeinerung der bekannten Zutaten – Mod, Punk, Garagerock & Northern Soul – die „Fuck Dance, Let’s Art“ zum besten Album der Gentlemen-Spieler macht.
Die Liga hat den englischen Sinn für die durchaus mögliche Kombination aus Street-Dandytum und Working-Class-Kampf verstanden, die in Deutschland immer wieder für Verwirrung sorgt. Aber im Polo-Shirt in der Gosse liegen und mit gestreckter Faust zu den Sternen blicken, das kann niemand besser als Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen.

5. Fat White Family – Serfs Up!

Einerseits ist „Serfs Up!“ das cleanste Album, das die räudigen Brüder der Fat White Family bisher veröffentlicht haben, andererseits spielen sie natürlich immer noch in einer eigenen Sleaze-Liga, in der höchstens Baxter Dury vorbeischauen darf (was er auf einem der besten Songs dieses Albums auch prompt macht: „Tastes Good With Money“). Es ist schon wahr, was sie in „Vagina Dentata“ singen: „Yes, I’m everything you ever wanted to become / But did not have the courage to be“.
P.S.: Beste Liveband der Welt.

6. The Düsseldorf Düsterboys – Nenn mich Musik

Als die Düsseldorf Düsterboys – die andere Band von Pedro & Peter aka International Music – noch nicht einmal eine richtige Single veröffentlicht hatten, waren sie mit „Teneriffa“ 2017 bereits einer meiner Top-3-Songs des Jahres. Nun folgt endlich die erste richtige Platte der Düsseldorf Düsterboys, die so dermaßen souverän in sich ruht und es dadurch schafft, verhuschteste Songskizzen wie „Parties“ dank ihrer Harmonien zu Hymnen werden zu lassen. Welche Band könnte sonst schon in einem Lied eine Zeile wie „Wie Männer sich küssen / Auf Kamelhaarkissen“ mit einem „Schalke 04 / ich will nicht mehr verlieren“ – Outro kombinieren?
Nennt es Musik, ich nenne es erneut eines der größten Alben des Jahres.

7. Billie Eilish – When We All Fall Asleep Where Do We Go?

Seit Jochen Distelmeyer bei Thomas Meineckes „Plattenspieler“-Veranstaltung „Bury A Friend“ von Billie Eilish aufgelegt hatte, war ich angefixt. Das Debütalbum der 18jährigen Pop-Sensation hat dann sogar noch mehr überzeugt als erwartet – mit einer erstaunlichen Dichte an guten Songs, einer wirklich fantastischen Produktion und Ästhetik, die mich mehr an die Witch House Experimente von Bands wie Salem erinnert als an glattpolierten Chartspop, der sonst in diesen Erfolgshöhen schwebt. Die beste Pop-Platte seit Ewigkeiten, Kanye oder so.

8. Julia Jacklin – Crushing

Vielleicht der größte „Grower“ aller 140 Alben, die ich in diesem Jahr gehört habe: „Crushing“, das zweite Album der australischen Singer/Songwriterin Julia Jacklin. Insbesondere die erste Hälfte der Platte mit ihren Songs über toxische Beziehungen und Self-Empowerment wie „Body“ („I guess it’s just my life / And it’s just my body“) oder „Head Alone“ („I don’t want to be touched all the time / I raised my body up to be mine“) sind verdammt stark.

9. Oidorno – Le Roi C’est Moi EP

Eine Band wie ein Thekenwitz. Und es würde mich nicht wundern, wenn Oidorno, die nach Adorno benannte Oi-Punk-Band, auch exakt so entstanden ist. Aber egal, die zweite Oidorno-EP „Le Roi C’est Moi“ ist ein Minialbum für das Bierduschen erfunden wurden. Wichtige Themen werden selbstredend auch verhandelt: der Schlagermove-Besuch des SPD-Innensenators Andy Grote genauso wie eine deftige Bromance, die in Enttäuschung endet:

Er hat ’ne Glatze, er hat Stil
Und versteht vom Trinken viel
Es ist sofort um mich geschehen
Ich will mit ihm saufen gehen
Doch ich seh‘ er raucht ’nen Joint
Das ist nicht nicht sehr Oi! mein Freund
Dreht sich um und stupst mich an
Fragt ob er Feuer haben kann
Das einzige, was du haben kannst,
ist ’n paar auf’s Maul

10. Voodoo Jürgens – ’s Kloane Glücksspiel

Es gibt kaum jemand im deutschsprachigen Raum, der so authentisch die Geschichten aus der Eckkneipe erzählen kann wie der Voodoo Jürgens. Mit leichter Hand zieht er die zigarettenvergilbten Vorhänge zurück, zündet dir eine Tschick an, bestellt einen Gspritzten und lässt dich mit ins Beisl rein. Wie schon die erste Platte „Ansa Woar“ brilliert auch „s kloane Glücksspiel“ mit den besten Geschichten und einer Instrumentierung, die so meisterhaft schwankt wie seine Protagonisten.
Er ist so gut. Und ich werd hier wirklich neidig, dass in Österreich solche Singer/Songwriter wie der Voodoo oder der Nino aus Wien groß werden, während wir uns hier mit Bendzko, Giesinger & Co rumplagen müssen.

11. Pete Doherty & The Puta Madres – s/t
12. Scott & Charlene’s Wedding – When In Rome
13. Big Thief – Two Hands
14. Chromatics – Closer To Grey
15. Die Goldenen Zitronen – More Than A Feeling

16. Clinic – Wheeltappers and Shunters
17. Weak Signal – LP
18. Wild Billy Childish & CTMF – Last Punk Standing
19. Die Heiterkeit – Was passiert ist
20. Dehd – Water

21. The Murder Capital – When I Have Fears
22. Botschaft – Musik verändert nichts
23. Purple Mountains – Purple Mountains
24. Tropical Fuck Storm – Braindrops
25. Ezra Furman – Twelve Nudes

26. Die Sauna – So schön wie jetzt war es noch nie
27. Kate Tempest – The Book Of Traps And Lessons
28. Jeffrey Lewis – Bad Wiring
29. Sleaford Mods – Eton Alive
30. Bonnie ‚Prince‘ Billy – I Made A Place

31. Pet Shop Boys – Agenda EP
32. Karen O & Danger Mouse – Lux Prima
33. Fuzzman – Hände weg von allem
34. Dream Boogie – Sorry To Disappoint All Music Lovers
35. Toy – Happy In The Hollow

36. Cigarettes After Sex – Cry
37. Automatic – Signal
38. Slowthai – Nothing Great About Britain
39. Ilgen-Nur – Power Nap
40. Danny Brown – uknowwhatImean?

41. Deutsche Laichen – Deutsche Laichen
42. Culk – Culk
43. Matties – Satis Factory
44. Yak – Pursuit Of Momentary Happiness
45. Toy – Songs Of Comsumption

46. Cassels – The Perfect Ending
47. Bonnie ‚Prince‘ Billy & Bryce Dessner & Eighth Blackbird – When We Are Inhuman
48. Alex Cameron – Miami Memory
49. L’Epee – Diabolique
50. Clipping. – There Existed An Addiction To Blood


Vorjahresgewinner:
* 2018: International Music – Die besten Jahre
* 2017: JETZT! – Liebe in GROSSEN Städten
* 2016: Isolation Berlin – Und aus den Wolken tropft die Zeit
* 2015: Ezra Furman – Perpetual Motion People
* 2014: Ja, Panik – Libertatia
* 2013: Waxahatchee – Cerulean Salt
* 2012: This Many Boyfriends – This Many Boyfriends
* 2011: Ja, Panik – DMD KIU LIDT
* 2010: The Smith Westerns – The Smith Westerns
* 2009: Ja, Panik – The Angst & The Money
* 2008: Laura Marling – Alas I Can’t Swim
* 2007: The Good, The Bad & The Queen – The Good, The Bad & The Queen
* 2006: Love Is All – 9 Times The Same Song

…und 2018?
1. International Music – Die besten Jahre
2. Idles – Joy As An Act Of Resistance
3. Der Nino Aus Wien – Der Nino Aus Wien
4. Die Nerven – Fake
5. Farce – Heavy Listening
6. Ezra Furman – Transangelic Exodus
7. The Good, The Bad And The Queen – Merrie Land
8. Parquet Courts – Wide Awake
9. Suede – The Blue Hour
10. Beak>: >>>

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und … und 2017?


1. JETZT! – Liebe in GROSSEN Städten
2. Klez.E – Desintegration
3. Sleaford Mods – English Tapas
4. LCD Soundsystem – American Dream
5. Laura Marling – Semper Femina
6. Baxter Dury – Prince Of Tears
7. Belgrad – Belgrad
8. Zimt – Glückstiraden
9. Nino Aus Wien – Wach
10. Alvvays – Antisocialites

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und … und 2016?


1. Isolation Berlin – Und aus den Wolken tropft die Zeit
2. Friends Of Gas – Fatal Schwach
3. Leonard Cohen – You Want It Darker
4. Oum Shatt – Oum Shatt
5. Whitney – Light Upon The Lake
6. Die Heiterkeit – Pop & Tod
7. LUH. – Songs For Spiritual Lovers To Sing
8. King Creosote – Astronaut Meets Appleman
9. Pete Doherty – Hamburg Demonstrations
10. David Bowie – Blackstar

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und … und 2015?


1. Ezra Furman – Perpetual Motion People
2. Blur – The Magic Whip
3. Die Nerven – Out
4. Isolation Berlin – Körper EP
5. The Libertines – Anthems For Doomed Youth
6. Pisse – Mit Schinken durch die Menopause
7. Zugezogen Maskulin – Alles brennt
8. HEALTH – Death Magic
9. Protomartyr – The Agent Intellect
10. Courtney Barnett – Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit

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und 2014?



1. Ja, Panik – Libertatia
2. Die Nerven – Fun
3. Trümmer – Trümmer
4. Parquet Courts – Sunbathing Animal
5. Amazing Snakeheads – Amphetamine Ballads
6. Parkay Quarts – Content Nausea
7. Die Heiterkeit – Monterey
8. La Roux – Trouble In Paradise
9. Jens Friebe – Nackte Angst zieh dich an, wir gehen aus
10. Fat White Family – Champagne Holocaust

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und 2013?



1. Waxahatchee – Cerulean Salt
2. Gabriel Bruce – Love In Arms
3. Chuckamuck – Jiles
4. Parquet Courts – Light Up Gold
5. Foxygen – We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic
6. Messer – Die Unsichtbaren
7. The Julie Ruin – Run Fast
8. Nick Cave & The Bad Seeds – Push The Sky Away
9. FIDLAR – FIDLAR
10. Babyshambles – Sequel To The Prequel

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und 2012?



1. This Many Boyfriends – This Many Boyfriends
2. Die Nerven – Fluidum
3. Pond – Birds, Wives, Denim
4. Howler – America Give Up
5. Toy – Toy
6. Mystery Jets – Radlands
7. Chromatics – Kill For Love
8. Crocodiles – Endless Flowers
9. Die Heiterkeit – Herz Aus Gold
10. Django Django – Django Django

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und 2011?




1. Ja, Panik – DMD KIU LIDT
2. WU LYF – Go Tell Fire To The Mountain
3. Chuckamuck – Wild For Adventure
4. Girls – Father, Son, Holy Ghost
5. The Smith Westerns – Dye It Blonde
6. Finn. – I Wish I Was Someone Else
7. Locas In Love – Lemming
8. Black Lips – Arabia Mountain
9. The Rapture – In The Grace Of Your Love
10. Josh T Pearson – Last Of The Country Gentlemen

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und 2010?




1. The Smith Westerns: The Smith Westerns
2. Girls: Broken Dreams Club EP
3. Manic Street Preachers: Postcards From A Young Man
4. 1000 Robota: UFO
5. Sleigh Bells: Treats
6. LCD Soundsystem: This Is Happening
7. Wave Pictures: Susan Rode The Cyclone
8. Laura Marling: I Speak Because I Can
9. Television Personalities: A Memory Is Better Than Nothing
10. Christiane Rösinger: Songs Of L. & Hate


und 2009?



1. Ja, Panik – The Angst & The Money
2. The Horrors – Primary Colours
3. Girls – Album
4. Pet Shop Boys – Yes
5. Emmy The Great – First Love
6. The Wave Pictures – If You Leave It Alone
7. Manic Street Preachers – Journal For Plague Lovers
8. Let’s Wrestle – In The Court Of The Wrestling Let’s
9. La Roux – La Roux
10. Peter Doherty – Grace/Wastelands

und 2008?




1. Laura Marling – Alas I Can’t Swim
2. Glasvegas – Glasvegas
3. No Age – Nouns
4. Crystal Castles – Crystal Castles
5. Vampire Weekend – Vampire Weekend
6. Love Is All – A Hundred Things To Keep Me Up At Night
7. 1000 Robota – Er Nicht Du Nicht Sie Nicht
8. Johnny Flynn & The Sussex Wit – A Larum
9. Hot Chip – Made In The Dark
10. Santogold – Santogold

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und 2007?




1. The Good, The Bad & The Queen – The Good, The Bad & The Queen
2. Die Türen – P-O-P-O
3. LCD Soundsystem – Sound Of Silver
4. Babyshambles – Shotters Nation
5. Tocotronic – Kapitulation
6. The White Stripes – Icky Thump
7. Jamie T – Panic Prevention
8. The Cribs – Men’s Needs, Women’s Needs, Whatever
9. Friska Viljor – Bravo!
10. The Rakes – Ten New Messages

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